Die Kleine liegt in ihrem Bett und schläft, draußen ist es noch dunkel. Ich beuge mich zu ihr, um ihr einen Kuss zu geben. Der Abschied fällt mir nicht leicht. Ich schnappe mir einen Teddy, der neben ihr liegt, und packe ihn in meine Tasche, das war so ein Impuls … Es fühlte sich gut an, etwas von ihr dabei zu haben. Dann nehme ich meine Tasche, den kleinen Rollkoffer, ziehe die Tür hinter mir zu und laufe zum Bahnhof. Es ist fast eisig, das hektische Rattern des Koffers auf dem Asphalt muss die noch friedlich Ruhenden aus dem Schlaf holen. Kurz darauf in der Bahn beginne ich, das Buch von Anja Förster zu lesen. Ich werde sie später noch live erleben. Dann sehe ich aus dem Augenwinkel die Tasche geöffnet neben mir auf dem Boden, lege das Buch einen Moment zur Seite und schreibe einer Freundin:

• „Ist es eigentlich gemein, seiner Tochter den Teddy zu klauen?
• „Wenn sie noch einen anderen hat, ist das völlig in Ordnung.“
Gut, ich lese weiter …

INKLUSION2025

Der Zug bringt mich nach Berlin. Ich besuche dort einen Kongress der Aktion Mensch. Das Hotel habe ich erst am Abend davor gebucht. Ich konnte es nicht glauben, dass ich wirklich eine Nacht alleine wegfahre. Mich zieht es dorthin, mich beschäftigen so viele Fragen und ich bin auf der Suche nach Ideen, nach Begegnungen und nach Denkanstößen. Auf dem Kongress sind viele Sprecher, die sich aus unterschiedlichsten Blickwinkeln mit Visionen befassen, wie Inklusion im Jahr 2025 gestaltet werden kann.

Als ich aus dem Zug steige, sehe ich eine Mutter mit ihrem kleinen Kind im Tragetuch, dann sehe ich noch eine Mutter, die einen Kinderwagen schiebt und dann wieder eine Mutter mit ihrem Baby. Ich muss schon schmunzeln, als ich mich dabei ertappe … schlechtes Gewissen? Nein, die Kleine ist in den allerbesten Händen und gut versorgt. Dann fahre ich langsam die lange Rolltreppe nach oben, sehe die großen Leuchtreklamen, um mich herum viele Menschen, deren Wege sich kreuzen, schnappe Wortfetzen verschiedener Sprachen auf, ich komme an in Berlin.

Mein Herz ist wie ein Seismograph geworden

Ich betrete die große Halle, gebe meine Jacke und den Koffer an der Garderobe ab und schaue mich kurz um. Dann lasse ich die Worte von Prof. Jonathan Kaufman, Gründer der Firma Disabilty Works in New York, und der Soziologin Prof. Dr. Elisabeth Wacker auf mich wirken. In einer kleinen Pause lerne ich eine bloggende Mama aus Berlin kennen und freue mich sehr über die Begegnung. Es geht weiter mit Vorträgen und ich spüre, wie alles arbeitet in mir. Ich spüre mein Herz und die Verbindung zu der Kleinen. Diese Verbindung öffnet ganz viele Kanäle in mir gleichzeitig. Ich sitze nicht da, weil ich mich weiterbilden will, weil ich mich engagieren will … ich sitze da, weil ich nicht anders kann. Ich möchte verstehen und fühle; Mein Herz ist wie ein Seismograph geworden …

„Die Wunde ist in Wirklichkeit die größte Gabe“

Jonathan Kaufman hat eine zerebrale Kinderlähmung, die er als den grundlegenden und bestimmenden Faktor seines Leben bezeichnet. Strahlend steht er auf der Bühne und sagt, dass er seine Behinderung als größte Gabe, als ein Geschenk, betrachtet. Seinen beruflichen Erfolg (er hat unter anderem das Weiße Haus beraten und die Vereinten Nationen) führt er auf seine Behinderung zurück. Ein Schlüsselerlebnis hatte er im Alter von acht Jahren. Jonathan Kaufman hatte an einem Projekt teilgenommen, bei dem Kinder mit einer zerebralen Lähmung Skifahren lernen sollten. Dort begegnete er einem anderen Jungen, der eine ähnliche Lähmung hatte. Jonathan Kaufman beobachtete plötzlich, dass der andere Junge Schuhe mit Schnürsenkeln trug. Er konnte seine Schuhe mit nur einer Hand zubinden! Schließlich lies er sich das von dem Jungen zeigen und übte zwei Monate lang, bis es ihm gelang, eine Schleife zu binden. Für ihn war dieser Moment zentral, und zeigte ihm, dass es möglich ist, sich mit harter Arbeit und Kreativität neue Möglichkeiten zu eröffnen. Behinderungen sind eine Möglichkeit, die Welt neu zu sehen. Er beschreibt, dass ihn seine Behinderung gelehrt hat, strategisch zu denken und Probleme zu lösen. Jonathan Kaufman ist der Ansicht, dass Menschen mit Behinderung einer Gesellschaft ein Werteversprechen machen, dass es möglich ist, aus „der Wunde eine Schleife zu binden„. Schwierigkeiten und Hindernisse können als Herausforderung aufgefasst werden und dadurch zu einem Profit für alle Menschen führen.

Die Tür durch die wir gehen ist entscheidend

Elisabeth Wacker hat das Bild der Tür entworfen, durch die wir gehen und die meist darüber entscheidet, wie der weitere Weg verläuft, welche Freunde wir haben, welchen Zugang zu Bildung. Es sind meist Fachleute und die Eltern, die entscheiden, welche Tür wir nehmen. Ab dann sind die Wege jedoch meist festgelegt und es ist schwer, auf einen der anderen Wege zu gelangen. Damit wird allen Menschen etwas genommen … ich denke da an das Werteversprechen von dem Jonathan Kaufman erzählt hat. Als ich vor einigen Monaten eine Krippe gesucht habe, habe ich eine Ahnung von den Türen bekommen. Ich habe eine Tür gesucht, durch die die Kleinen gehen kann. Einige Türen blieben verschlossen, einige öffneten sich neugierig einen kleinen Spalt und ein paar Wenige standen weit offen für uns und es hing sogar ein Schild an der Tür „Herzlich willkommen“. Ich habe eine Ahnung davon bekommen, wie es ist, vor einer verschlossenen Tür zu stehen. Ich bin neugierig, das alles zu verstehen und einen wissenschaftlichen, soziologischen Blick auf die Situation zu werfen.

„Erhöhen Sie Ihre Misserfolgsrate“

Am zweiten Tag steht eine beeindruckende Frau auf der Bühne. Schwarzes Kleid, rote Lederjacke, cool und voller Energie. Es ist Anja Förster. Ihre Worte, ihr Selbstbewusstsein und ihre Lebendigkeit ziehen meine volle Aufmerksamkeit auf sich. Sie motiviert, im Hinblick auf Inklusion ungewöhnliche Projekte auf die Beine zustellen. Ich höre ihr sehr gerne zu, wie sie in ihrer bildhaften Sprache dazu aufruft, sich aus den „intellektuellen Zwangsjacken“ zu befreien. „Experimentieren Sie mit unorthodoxen Ideen“, „Ignorieren Sie die institutionalisierten Bedenkenträger“, die wie „Kasper aus der Kiste“ kommen. „Suchen Sie sich Verbündete“, „Erhöhen Sie Ihre Misserfolgsrate“. Dann erklärt Anja Förster den Vuja dé -Blick. Dabei geht es darum, einen frischen Blick auf eine Situation zu bewahren, auch wenn man sie schon 20 Mal erlebt hat.

„Wenn du jonglieren lernen willst, lass die Bälle fallen“

Wenn du jonglieren lernen willst, dann nimm die Bälle, wirf sie in die Luft und lass sie fallen, auf den Boden, immer wieder … wirf sie hoch und lass sie fallen …“ Anja Förster erzählt, dass sie sich gerade mithilfe des Buchs „Juggling for the Complete Klutz“ das Jonglieren beibringt. Würde man versuchen, die Bälle nicht fallen zu lassen und hätte Angst vor dem Fall, würde das viel negative Energie binden. Sie appelliert an das Vertrauen. Ich erinnere mich an die Schwangerschaft mit der Kleinen. Als es bereits Hinweise gab auf eine Trisomie. Wir hätten weitersuchen können nach Auffälligkeiten. Ich hätte die Schwangerschaft beenden können. Ich hätte versuchen können, die Bälle in der Hand zu halten, damit keiner auf den Boden fällt. Auf das Leben gesehen nimmt mir das Energie, wenn ich versuche, die Dinge verbissen zu steuern und das vermeintlich Perfekte anzustreben. Zu wissen, dass man Bälle, die gefallen sind auch wieder aufheben kann, dass es dann weiter geht, das setzt positive Energien frei.

Die Farbe ist die gleiche, aber es schmeckt anders…

Ich habe mich beruflich mit dem Thema Inklusion befasst. Bevor die Kleine geboren wurde. Ich bin eine Wissende und doch fange ich bei null an, bin eine Lernende. Es ist mein Herz, das mehr denn je dabei ist und die Liebe zu meiner Tochter, die ein ganz großer Motor ist für mich. Ich erkenne das Potenzial, das in der Auseinandersetzung mit einer Behinderung liegt. Ich kann mich anfreunden mit diesen Gedanken, die mich berührt haben. Behinderung ist ein Angebot. Ein Angebot, anders zu denken.