Langsam läuft mir eine Träne die Wange herunter, während ich die E- Mail absende. Ich habe soeben den Krippenplatz für die Kleine abgesagt und meinen beruflichen Einstieg damit weiter verschoben.

Hier in Hamburg regeln es viele Familien so, dass sie ein Jahr Elternzeit nehmen und die Mamas dann wieder in den Job einsteigen. Spätestens. Die Kinder werden mit etwa 11 Monaten eingewöhnt, damit der Job dann rechtzeitig zum Ende der Elternzeit wieder aufgenommen werden kann. Der Papa und ich hatten es ähnlich geplant, die Kleine sollte diesen Sommer, mit eineinhalb Jahren eingewöhnt werden.

Krippe: ja oder nein?

So eine Entscheidung zu fällen und das Abwägen der Vor- und Nachteile kann ganz schön viel Energie und Zeit beanspruchen. Schließlich bin ich ja nicht nur die Mama. Ich habe einen Beruf, Ehrgeiz und möchte ein eigenes Einkommen verdienen. Doch plötzlich, in den letzen Wochen kollidieren all meine Ansprüche miteinander. Mein Bild von der erfolgreichen und unabhängigen, emanzipierten Frau einerseits und der versorgenden, liebevollen Mama andererseits schienen sich wie Rivalinnen gegenüber zu stehen.

Was die Kleine betrifft, so leitet mich die Frage „Was ist für sie das Beste?“, welche Form von Betreuung tut ihr gut, welche Begegnungen und Beziehungen nähren sie. Und gleichzeitig habe ich den Wunsch, eine unabhängige Frau zu sein, die irgendwie alles unter einen Hut bekommt. Ich spürte eine latente Verbitterung in mir, eine Enttäuschung, dass ich das alles nicht so schaffe wie geplant. Mein Bild war strikt und engte mich ein, mir war schnell klar, dass es so nicht weitergeht.

Also habe ich dann beschlossen, mein Bild zu ändern. Mein Herz hat die Frage mit der Krippe ja schon lange beantwortet. Ich konnte aber nichts entscheiden, da meiner Herzensentscheidung dieses Bild der toughen, erfolgreichen und emanzipierten Frau gegenüberstand. In meiner Vorstellung musste ich dieses aufgeben, wenn ich meine Elternzeit weiter verlängern würde.

Und jetzt?

Ich entspanne mich jetzt und stelle diese beiden Bilder einfach nicht mehr konkurrierend gegenüber. Ich gehe jetzt in den kommenden Monaten nicht arbeiten, wie eigentlich geplant. Meine beruflichen Interessen stelle ich somit bewusst zurück für einige Zeit. Ich genieße es und freue mich auf eine intensive Zeit mit der Kleinen. Es ist wichtig gewesen und eine Erleichterung, sich von diesem starren Gedankenmodell zu lösen und zu denken, ich könne all meine Ziele gleichzeitig in einer guten Qualität leisten.

Inklusion: Den Menschen sehen, nicht die Behinderung

Die Entscheidung, die Kleine noch nicht in eine Krippe zu geben, ist auch davon beeinflusst, dass ich die personelle Besetzung nicht ausreichend finde. In den Krippen in Hamburg ist es nicht ungewöhnlich, dass 15 Krippenkinder von 2 Erzieherinnen betreut werden. Trotz der erfolgreichen Proteste ist das noch ein Modell, das keine Seltenheit ist. Allerdings soll in den kommenden Jahren der Personalschlüssel deutlich verbessert werden.

Ich bin der Meinung, dass die engagierteste und herzlichste Erzieherin an ihre Grenzen kommt, bei den hohen Anforderungen die eine zu große Gruppe Kleinkinder stellt. In Hamburg haben alle Kinder einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung ab dem ersten Lebensjahr. In der Praxis ist es aber längst nicht so, dass alle Krippen Kinder mit Behinderung aufnehmen! Es gibt darüber hinaus die Möglichkeit, zusätzliche Personalstunden zu beantragen. Das geht ab dann, wenn das Kind in der Krippe ist. Eine Mutter hat mir erzählt, dass sie sechs Stunden pro Woche dazubekommen haben bei einem Kleinkind mit Down-Syndrom. Mehr Erfahrungswerte habe ich bisher dazu nicht sammeln können, da diese Möglichkeit noch recht neu und unbekannt ist. In meinem Text „Verzeihung, wo gehts denn hier nach Inklusionien“  habe ich ja von meinen Erfahrungen bei der Suche nach einer Krippe berichtet.

Und Inklusion bedeutet nicht nur, ein Kind mit einer Behinderung aufzunehmen. Inklusion beutetet, ein Kind – jedes Kind – völlig losgelöst von Merkmalen wie Behinderung zu begleiten. Der inklusive Blick entwickelt Strukturen ausgehend von den Talenten und Fähigkeiten eines Kindes. Das bedeutet aber auch, dass Inklusion nicht damit erreicht ist, wenn man bloß die Türen einer Kita öffnet. Die Kleine hat eine Behinderung, aus der sich für sie besondere Lernbedingungen ergeben, und ich wünsche mir, dass diese berücksichtigt werden können.

Und so ganz abgesehen von Inklusion, von Betreuungsschlüsseln und von Karrierewünschen: Ich freue mich jetzt einfach sehr, dass wir uns so entschieden haben und blicke mit einem guten Gefühl auf die neu gewonnene Zeit mit der Kleinen :-)

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