Ich habe Kirsten Ehrhardts Buch „Henri – Ein kleiner Junge verändert die Welt“ rezensiert. Die Autorin schreibt darin über ihren Sohn Henri, der mit seinen Freunden nach der Grundschule auf das Gymnasium wechseln sollte. Das Schulamt hatte schon eine inklusive Klasse geplant. Doch das Gymnasium weigerte sich, den Jungen, der das Down-Syndrom hat, aufzunehmen. Es folgte ein aufreibender Kampf, der in den Medien immer wieder für Schlagzeilen sorgte. Die Geschichte von Henri und dem Gymnasium in Walldorf ist längst zum Paradebeispiel für ein ungeklärtes gesellschaftliches Reizthema geworden: Inklusion im Gymnasium.

„Am liebsten würde ich mich mit Kirsten Ehrhardt darüber mal persönlich unterhalten“, meinte ich zu einer Freundin, deren Antwort: „Dann ruf sie an!“ schließlich dazu beitrug, dass ich wenige Tage später tatsächlich ein Interview mit der Autorin geführt habe. Dass Ehrhardt eine starke Persönlichkeit hat, eine Frau ist, die Mut und Stärke ausstrahlt, das spürte ich innerhalb weniger Sekunden am anderen Ende der Leitung – trotz 587 Kilometern Abstand zwischen Hamburg und ihrem Wohnort Walldorf. Sie ist wortgewandt, zielstrebig und in Sachen Inklusion ganz offensichtlich in den vergangenen Monaten zu einer Expertin geworden.

Wie sind die Reaktionen auf Ihr Buch, Frau Ehrhardt?

Sehr, sehr positiv. Einige sagen „Hey, jetzt weiß ich endlich, dass ich nicht allein bin, mit all dem.“ Ich glaube, dass es viele Menschen sehr bewegt. Es gab auch Leute, die sagten: „Ich habe geweint und ich habe auch gelacht.“ Und ich finde, das ist wunderbar, weil das dazugehört. Das ist so ein Klischee, dass man immer nur weinen muss, wenn es um Behinderung geht. Man darf auch lachen. Wir lachen zu Hause auch viel. Das Leben ist ja manchmal auch wie eine Realsatire.

Viele fragen sich, warum Henri „einfach so“ aufs Gymnasium gehen soll, andere Kinder dafür aber hart arbeiten müssen. Wie erklären Sie sich dieses Denken?

Ich finde es traurig, dass die Menschen immer auf andere schielen. Da stecken für mich zwei Aspekte dahinter. Erstens: Henri kann kein Abitur machen und wird es auch nicht. Die anderen wollen aber alle Abitur machen. Zweitens: Da ist diese unheimliche Angst. Wir sind so eine Gesellschaft geworden, die immer Angst um die eigenen Privilegien hat. Das ist ein Jammern auf hohem Niveau. Wir haben immer Angst, dass der andere irgendwie mehr bekommt.

Ist das Gymnasium ein unantastbares Heiligtum?

Das Gymnasium ist in Deutschland eine heilige Kuh, die immer sagt: Ihr könnt das ja machen mit der Inklusion, aber wir machen das nicht. Das Gymnasium scheint immer eine Sonderrolle zu spielen. Und die Politiker lassen das Gymnasium offensichtlich eben diese Extrarolle spielen.

Die Guten sollen von den Schwachen nicht gestört werden. Warum hält sich dieses Denken so hartnäckig?

Das ist genau das Denken, dass das separierende Schulsystem ausmacht. Menschen, die so aufgewachsen sind, denken offensichtlich nur so. Sie verstehen einfach nicht, dass wir alle voneinander profitieren können und dass es keine per se schwachen Kinder gibt, sondern Menschen mit unterschiedlichen Begabungen. Warum manche Kinder schlecht lernen, hat meist gar nichts mit den Kindern mit Behinderung zu tun, sondern zeigt einfach nur, dass sie kein passendes Angebot bekommen. Wir müssen aufpassen, dass wir nicht -welche Kinder auch immer – zum Sündenbock machen.

„Henri: Jetzt soll er Medizin studieren!“ Manch einer fürchtet diese Headline in ein paar Jahren. Was sagen Sie zu solchen Kommentaren?

Ich finde diese Kommentare schlicht und ergreifend albern. Wir werden eine Tätigkeit finden, die Henris Fähigkeiten, die wir ja noch gar nicht absehen können, angemessen ist. Nur grundsätzlich zu sagen, dass er nicht innerhalb seiner Möglichkeiten mitmachen soll: Warum denn nicht? In einigen Ländern gibt es auch Menschen mit Down-Syndrom, die studieren. Die machen vielleicht nicht den gleichen Abschluss wie die anderen, aber die nehmen ganz viel mit. Uns vorzuwerfen, unser Sohn solle ja wohl Herzchirurg werden – Herzchirurg und Pilot werden immer gern als Beispiele genommen, so als ob alle Abiturienten diese Berufe ergreifen -, finde ich einfach nur richtig, richtig peinlich. Und wenn das dann auch noch von Menschen kommt, die von sich behaupten, zur intellektuellen Elite zu gehören, dann kann ich nur sagen: traurige Elite! Aus meinem Abiturjahrgang ist übrigens eine Mitschülerin Schäferin geworden, eine Bäuerin und eine Nonne.

Wie stellen Sie sich die Schule der Zukunft vor?

Die Schule der Zukunft baut nicht auf Angst, sondern auf Motivation auf, mit Lehrern, denen es wirklich wichtig ist, dass ALLE den Bildungserfolg haben, den sie mit entsprechender Förderung haben können.

Was muss bis dahin passieren?

Viel! Denn wir merken doch immer mehr, dass in unserem Schulsystem vieles nicht mehr passt. Es passt ja auch für Kinder ohne Behinderung nicht mehr. Wie viele Kinder blieben auf der Strecke! Seit Jahrzehnten gibt es diese Untersuchungen, dass Lernerfolg in Deutschland stark, zu stark, mit dem sozialen Status und dem Einkommen der Eltern zusammenhängt. Aber einen Fehler dürfen wir nicht machen: Wir dürfen nicht denken, wir müssten jetzt erst mal dreißig Jahre lang unser Schulsystem reformieren, bevor wir Kinder mit einer Behinderung aufnehmen können. Es gilt, das eine UND das andere zu tun.

Was war einer der schönsten und bewegendsten Momente in dieser kämpferischen Zeit um Henris Schulbildung?

Ich finde es bis heute schön, wenn mir Menschen aus aller Welt, die ich überhaupt nicht kenne, E-Mails schreiben und ganz persönlich und bewegt äußern, wie sie das erlebt haben. Da hockt man hier in einem Baden-Württembergischen Dorf und plötzlich tut sich da ganz viel auf.

Gibt es einen Satz, der Sie begleitet?

Mich haben zwei Schlüsselsätze begleitet: „Wer Inklusion nicht will, sucht Begründungen, und wer Inklusion will, sucht Wege“ von Hubert Hüppe. Und der Satz „Behinderung ist behindern mangels Ermöglichung“, ein Zitat von Georg Feuser.

Anspach Mama und Henri
Foto: Uwe Anspach

Herzlichen Dank an Kirsten Ehrhardt für das Interview!

follow allesanderealsdown on twitter