Kategorie: Kita

Integration: Oder über ein miefiges Paar Socken

Ich sitze auf dem Sofa im Ferienapartment, halte mein Handy in den Händen und lese meine Nachrichten. Wir sind für eine Woche in Spanien. Vor der Abreise, noch in Hamburg, hatte ich eine E-Mail an einen Kindergarten in unserer Nähe geschrieben und habe soeben die Antwort erhalten:

„Sehr verehrte Familie …,
herzlichen Dank für die Anmeldung ihrer Tochter.
Ich muss sie an unsere Kollegen vom … verweisen, denn dort gibt es eine integrative Kindergartengruppe.“

Mit freundlichen Grüßen

Ich frage mich dann, was mich dazu gebracht hat, dass ich dort überhaupt eine E-Mail hingeschrieben habe. Warum habe ich das erforderliche Anmeldeformular ausgefüllt und meinen Beruf, den des Papas und unsere persönlichen Daten preisgeben, um dann so einen einfachen, schmallippigen Satz als Antwort zu erhalten?! Vielleicht, weil ich irgendwo gehört hatte, dass dieser Kindergarten auch Kinder mit einer Behinderung aufnimmt. Weil ich gehört hatte, dass er gut sein soll. Weil ich dachte, dass ein Waldorfkindergarten einen anderen Ansatz hat. Und auch, weil er in unserer Nähe ist. Ich telefonierte ja sogar noch mit einer Mitarbeiterin, die mir das bestätigte. Dann aber kam doch diese E-Mail … offensichtlich ein Missverständnis?

„Das gibt´s doch nicht …!“

Ich ziehe meine Stirn in Falten. Diese Nachricht ärgert mich. Auf der Homepage steht, dass die Kinder in ihrer Entwicklung dort gestärkt werden. Jeder weitere Satz, den ich zuvor auf der Homepage über Geborgenheit, Sicherheit, der Kita als zweites emotionales Zuhause, gelesen hatte, empfinde ich in dem Moment als Heuchelei. Vielleicht, weil es mich getroffen hat, weil mich diese Reaktion auch traurig macht. Wir leben mitten in der Stadt, mitten in Hamburg und ich kann und will es nicht begreifen, dass wir an einer so wichtigen Stelle noch so unterentwickelt sind. Steht da nicht genau das beschrieben, was ich mir für die Kleine wünsche? Einen Ort der Geborgenheit, der Sicherheit?! Und Menschen, die sie liebevoll begleiten und sie in ihrer Entwicklung stärken?! Warum gilt das nicht für mein Kind?!

Wir leben offensichtlich nach wie vor in einem System, indem Menschen, noch bevor sie ihren ersten Geburtstag erlebt haben, in Bahnen steuert und bestimmt, wo ein Kind zu sein hat und vor allem wo nicht. Und das betrifft unter anderem und in ganz besonderer Weise Kindern mit einer Behinderung. Es ist dringend an der Zeit, aufzuhören sich weiter an dem Modell der Integration festzuhalten. Die Idee der Integration ist längst überholt, von gestern und mieft nach ein paar alten, vergessenen Socken aus den 70er Jahren!

Wer ist verantwortlich dafür, Inklusion umzusetzen?

Über die frühe Laufbahn eines Kindes zu bestimmen und das Handeln der Beteiligten ist – so beobachte ich es – oftmals geleitet aus Gewohnheit, aus Tradition, Unwissen, Unsicherheit und der Befürchtung, etwas falsch zu machen.…oder vielleicht auch hier und da etwas Bequemlichkeit? In den öffentlichen Diskussionen findet die Inklusion in den Krippen und Kitas noch recht wenig Beachtung. Doch: Es gibt keinen Grund dafür, dass Kindergärten mit Inklusion beliebig umgehen. Inklusion kann kein einrichtungsspezifisches Profil sein, wie sich ein Kindergarten zum Beispiel „Musikkindergarten“, „Kunstkita“ oder „Waldkindergraten“ nennt. Es kann nicht sein, dass die eine Kita Inklusion „macht“ und die Kita zwei Häuser weiter nicht, denn das ist praktizierte Integration. Inklusion kennt keine Nischen, keine Sonderwege, keine „Regelkindergärten“ und sortiert Kinder nicht nach Merkmalen wie zum Beispiel einer Behinderung.

Mit „so etwas“ haben wir noch keine Erfahrung
Gestern habe ich einen anderen Kindergarten in unserer Nähe angerufen. Während eines Spaziergangs sah ich die Kinder auf dem schönen Außengelände, sie wirkten sehr fröhlich und ausgelassen, das gefiel mir. Die Kitaleiterin war wirklich eine liebe Frau und sehr bemüht. Sie sagte dann, dass sie „mit so etwas“ noch keine Erfahrungen haben und sie erst mal ihr Team fragen müsse, ob die es sich zutrauen, ein Kind mit DS zu nehmen. Es ist also, genau wie hier, in vielen Fällen schon Bewegung und auch eine zaghafte Offenheit zu erkennen, aber eben auch eine große Unsicherheit. Deutlich jedoch wird hier vor allem eins: Der Förderbedarf in der Umsetzung von Inklusion liegt nicht bei den Kindern! Oft denke ich, die Kindergärten brauchen konstruktive, wohlwollende und professionell strukturierte Hilfe und Unterstützung in diesem Veränderungsprozess. Keine Kita muss sich klein machen, aber es ist wichtig, nach vorne zu schauen, sich auch praktisch auf den Weg zu machen und mutig zu sein.

Kleine Blüten: positive Beispiele der Inklusion

Heute habe ich mit der Kleinen in einem Kinderladen hospitiert. Der Papa hat zufällig auf dem Weg zu einem Termin einen Zettel im Fenster entdeckt, dass dort Kinder gesucht werden diesen Sommer. Da dieser Kinderladen aber nicht in unserem Stadtteil liegt, bin ich bisher noch nicht auf ihn aufmerksam geworden. In diesem Kinderladen gehen von 16 Kindern zwei Kinder, die eine Behinderung haben. Ich bin wirklich sehr beeindruckt davon, wie es auch laufen kann und wie selbstverständlich es sein kann, Kinder mit einer Behinderung aufzunehmen. Da es sich hier um einen Zusammenschluss von Tagesmüttern/Vätern handelt, bekommen sie dafür keinen Cent mehr! Sie machen das aus Überzeugung. Die Kleine hat sich so wohl gefühlt. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als sie einem dreijährigen Jungen das Spielzeug wegnahm, woraufhin der Junge in Tränen ausbrach. Eigentlich hatte ich es andersherum erwartet. Ich merke, dass die Kleine in den letzten Wochen ganz schön forsch geworden ist, sie ist ein richtig kleines Kita-Kind geworden, von Schüchternheit keine Spur.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir das eindeutige, menschliche Signal, dass mein Kind willkommen ist, genau so wie andere Kinder auch. Ich weiß, dass viele Kindergärten jahrelang ausschließlich Kinder ohne eine Behinderung aufgenommen haben und nun viele in unterschiedlichem Tempo beginnen, ihre Türen zu öffnen. In zahlreichen Fällen ist diese Offenheit wirklich spürbar und das ist sehr schön und gibt Hoffnung. Ich verstehe es, wenn eine Kita signalisiert, ja, wir wollen, aber wir sind jetzt noch nicht sie weit. Doch ohne ein Signal in diese Richtung, einfach mit einem Satz abzusagen und die Türen bewusst geschlossen halten, dass ist zu einfach. Ausgrenzung ist Ausgrenzung, auch wenn sie ungewollt ist und freundlich formuliert wird.

Und: Natürlich sollte es selbstverständlich sein, dass die Erzieherinnen und Erzieher für ihre anspruchsvolle Arbeit gut bezahlt werden und Zeit erhalten, sich weiterzubilden. Ich finde es wichtig, dass zum Beispiel aktuell hier in Hamburg, viele auf die Straße gehen und für ihre Arbeit einstehen!

Die Krippe oder: Warum die Kleine erst mal zu Hause bleibt

Langsam läuft mir eine Träne die Wange herunter, während ich die E- Mail absende. Ich habe soeben den Krippenplatz für die Kleine abgesagt und meinen beruflichen Einstieg damit weiter verschoben.

Hier in Hamburg regeln es viele Familien so, dass sie ein Jahr Elternzeit nehmen und die Mamas dann wieder in den Job einsteigen. Spätestens. Die Kinder werden mit etwa 11 Monaten eingewöhnt, damit der Job dann rechtzeitig zum Ende der Elternzeit wieder aufgenommen werden kann. Der Papa und ich hatten es ähnlich geplant, die Kleine sollte diesen Sommer, mit eineinhalb Jahren eingewöhnt werden.

Krippe: ja oder nein?

So eine Entscheidung zu fällen und das Abwägen der Vor- und Nachteile kann ganz schön viel Energie und Zeit beanspruchen. Schließlich bin ich ja nicht nur die Mama. Ich habe einen Beruf, Ehrgeiz und möchte ein eigenes Einkommen verdienen. Doch plötzlich, in den letzen Wochen kollidieren all meine Ansprüche miteinander. Mein Bild von der erfolgreichen und unabhängigen, emanzipierten Frau einerseits und der versorgenden, liebevollen Mama andererseits schienen sich wie Rivalinnen gegenüber zu stehen.

Was die Kleine betrifft, so leitet mich die Frage „Was ist für sie das Beste?“, welche Form von Betreuung tut ihr gut, welche Begegnungen und Beziehungen nähren sie. Und gleichzeitig habe ich den Wunsch, eine unabhängige Frau zu sein, die irgendwie alles unter einen Hut bekommt. Ich spürte eine latente Verbitterung in mir, eine Enttäuschung, dass ich das alles nicht so schaffe wie geplant. Mein Bild war strikt und engte mich ein, mir war schnell klar, dass es so nicht weitergeht.

Also habe ich dann beschlossen, mein Bild zu ändern. Mein Herz hat die Frage mit der Krippe ja schon lange beantwortet. Ich konnte aber nichts entscheiden, da meiner Herzensentscheidung dieses Bild der toughen, erfolgreichen und emanzipierten Frau gegenüberstand. In meiner Vorstellung musste ich dieses aufgeben, wenn ich meine Elternzeit weiter verlängern würde.

Und jetzt?

Ich entspanne mich jetzt und stelle diese beiden Bilder einfach nicht mehr konkurrierend gegenüber. Ich gehe jetzt in den kommenden Monaten nicht arbeiten, wie eigentlich geplant. Meine beruflichen Interessen stelle ich somit bewusst zurück für einige Zeit. Ich genieße es und freue mich auf eine intensive Zeit mit der Kleinen. Es ist wichtig gewesen und eine Erleichterung, sich von diesem starren Gedankenmodell zu lösen und zu denken, ich könne all meine Ziele gleichzeitig in einer guten Qualität leisten.

Inklusion: Den Menschen sehen, nicht die Behinderung

Die Entscheidung, die Kleine noch nicht in eine Krippe zu geben, ist auch davon beeinflusst, dass ich die personelle Besetzung nicht ausreichend finde. In den Krippen in Hamburg ist es nicht ungewöhnlich, dass 15 Krippenkinder von 2 Erzieherinnen betreut werden. Trotz der erfolgreichen Proteste ist das noch ein Modell, das keine Seltenheit ist. Allerdings soll in den kommenden Jahren der Personalschlüssel deutlich verbessert werden.

Ich bin der Meinung, dass die engagierteste und herzlichste Erzieherin an ihre Grenzen kommt, bei den hohen Anforderungen die eine zu große Gruppe Kleinkinder stellt. In Hamburg haben alle Kinder einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung ab dem ersten Lebensjahr. In der Praxis ist es aber längst nicht so, dass alle Krippen Kinder mit Behinderung aufnehmen! Es gibt darüber hinaus die Möglichkeit, zusätzliche Personalstunden zu beantragen. Das geht ab dann, wenn das Kind in der Krippe ist. Eine Mutter hat mir erzählt, dass sie sechs Stunden pro Woche dazubekommen haben bei einem Kleinkind mit Down-Syndrom. Mehr Erfahrungswerte habe ich bisher dazu nicht sammeln können, da diese Möglichkeit noch recht neu und unbekannt ist. In meinem Text „Verzeihung, wo gehts denn hier nach Inklusionien“  habe ich ja von meinen Erfahrungen bei der Suche nach einer Krippe berichtet.

Und Inklusion bedeutet nicht nur, ein Kind mit einer Behinderung aufzunehmen. Inklusion beutetet, ein Kind – jedes Kind – völlig losgelöst von Merkmalen wie Behinderung zu begleiten. Der inklusive Blick entwickelt Strukturen ausgehend von den Talenten und Fähigkeiten eines Kindes. Das bedeutet aber auch, dass Inklusion nicht damit erreicht ist, wenn man bloß die Türen einer Kita öffnet. Die Kleine hat eine Behinderung, aus der sich für sie besondere Lernbedingungen ergeben, und ich wünsche mir, dass diese berücksichtigt werden können.

Und so ganz abgesehen von Inklusion, von Betreuungsschlüsseln und von Karrierewünschen: Ich freue mich jetzt einfach sehr, dass wir uns so entschieden haben und blicke mit einem guten Gefühl auf die neu gewonnene Zeit mit der Kleinen :-)

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„Einfach Sontje“ – Mit Kindern über das Down-Syndrom reden

„Sontje hat uns alle fest im Griff. Manchmal nervt sie uns, manchmal ist es anstrengend, auf sie zu warten, Rücksicht zu nehmen oder das zu machen, was sie gerade will … Wenn andere nach meiner Schwester mit Down-Syndrom fragen, erzähle ich ihnen, wie das Leben mit ihr ist: ein bisschen anders, aber doch auch so, wie es mit einer kleinen Schwester eben ist. Für mich ist sie einfach Sontje.“

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)

Es kann toll sein, mit Kindern über das Down-Syndrom zu sprechen, dann, wenn es an der Zeit ist, wenn es passt. Kinder haben häufig einen ganz anderen Zugang zu Themen wie Behinderung, der stärker vom Hier und Jetzt geprägt ist, weniger von (Zukunfts-)Sorgen. Und genau dann, wenn sich ein Kind für das Down-Syndrom interessiert, ist es großartig, ein Buch wie „Einfach Sontje“ im Bücherregal zu haben. „Einfach Sontje“ wurde im Oktober 2014 vom Deutschen Down-Syndrom Infocenter herausgegeben. Die Texte stammen von Michaela Hilgner und die Bilder von den Fotografinnen Maria Irl und Charlotte Sattler.

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
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Warum traurig sein?!

Es ist, als öffne jemand ein großes Fenster und winke uns freundlich herbei. Genau genommen ist es Antonia, ein 13-jähriger, sehr sympathischer Teenager, die uns in „Einfach Sontje“ Einblicke gewährt in den Familienalltag mit ihren zwei Brüdern Kilian und Elias sowie ihrer dreijährigen Schwester Sontje, die das Down-Syndrom hat. Dass ihre Eltern traurig sind, als sie noch während der Schwangerschaft erfahren, dass Sontje das Down-Syndrom hat, konnte Antonia nicht verstehen und fragte sich, warum?! Wo doch Kinder mit Down-Syndrom auch lachen und laufen lernen können?!

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
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Das 36-seitige und mit zahlreichen Fotos versehene Kinderbuch zeigt das Leben der dreijährigen Sontje. Mal sitzt sie kleckernd am Esstisch (was sie da wohl unter dem Tisch sucht?!), um sich dann im nächsten Bild ganz allein ihre Socken anzuziehen. Sontje werden ihre Zähne geputzt und sie geht in den Kindergarten, so wie die meisten Kinder. Auf einem Bild kann man Sontje dank ihres Gesichtsausdrucks förmlich weinen hören, nämlich als es beim Zöpfeflechten ungeheuerlich ziept und zwackt. Wir sind auch live dabei, als Sontje beim Einkaufen auf den einen unbeobachteten Moment wartet, um ihrer Mutter fröhlich und unbeschwert davonzuflitzen. Sontje hat keine Angst davor, alleine zu sein!

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
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Ein Jahr lang, oder besser gesagt vier Jahreszeiten, wurden Sontje und ihre Familie von den Fotografinnen Maria Irl und Charlotte Sattler begleitet. Michaela Hilgner hat mir in unserer E-Mail-Kommunikation verraten, dass ihnen bei den Arbeiten an dem Buch das Wetter einen kleinen Streich gespielt hat. Es wollte für das Winterbild einfach keinen Schnee geben! Im Februar hörten sie dann auf zu warten … wie gut, dass es am Ochsenkopf im Fichtelgebirge Kunstschnee gibt. Dass Sontje so ein Fotoprofi ist, hat sicher auch mit ihrer fotografierfreudigen Mama zu tun, die übrigens auch einen eigenen Blog hat.

Was macht das Buch so unglaublich sympathisch?

Es ist die ausgeprägte Authentizität der Bilder, die einem das Gefühl vermittelt, direkt dabei zu sein. Das Bild der gesamten Familie auf der Treppe; man könnte meinen, dieser netten Bande (die man wirklich sofort ins Herz schließt) grade während eines Ausflugs zufällig begegnet zu sein, als einem dann der Papa vorsichtig auf die Schulter tippt und fragt, ob man mal eben kurz ein Foto von ihnen knipsen könnte. Die Bilder stellen den Moment mit Sontje und ihrer Familie ins Zentrum, ganz lebensnah, echt und mit liebevollem Blick. Jeder Moment erzählt seine eigene Alltagsgeschichte und bietet Kindern eine wunderbare Möglichkeit, sich wiederzuerkennen und Vertrautes zu entdecken und Neues kennenzulernen. Regelmäßige Stunden bei der Physiotherapie oder beim Ohrenarzt gehören ja für viele Kinder nicht zum Alltag …
Eines meiner Lieblingsfotos aus dem Buch: Sontje und das Eis ihres Bruders Kilian; wenn ein Blick einfach mehr sagt, als tausend Worte 😉

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
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„Einfach Sontje“ ist ein pädagogisch sehr wertvolles Kinderbuch, dass Geschwister, Cousinen und Cousins und allen anderen Kinder das Leben mit dem Down-Syndrom liebevoll näher bringt. Es sollte in keiner Kita- Bücherkiste fehlen!

„Einfach Sontje“ kann Fragen beantworten, Vorurteile aus dem Weg räumen und Verständnis wecken. Deshalb soll das Buch überall, wo Kinder mit Down-Syndrom leben, lernen und spielen, angeschaut und (vor)gelesen werden.“
Cora Halder, Geschäftsführerin Deutsches Down-Syndrom Infocenter im Nachwort

„Einfach Sontje“ kann für 19,90€ beim Down-SyndromInfocenter bestellt werden.

Verzeihung, wo geht’s denn hier nach Inklusionien?

Ich stehe am S-Bahnhof vor einem Aufzug. Um mich herum laufen viele Menschen hektisch hin und her oder warten auf ihren Bus, es ist eng und laut. Ich drücke auf den Knopf und warte. Die Kleine liegt im Kinderwagen, sie ist müde nach der Physiotherapie. Eine Frau, deren Alter ich schwer schätzen kann, reiht sich hinter mir ein. Ihr langes, etwas strohiges Haar hat sie zu einem Zopf zusammengebunden, sie trägt einen weiten, grauen Parka. Mit einer Hand hält sie ihren Hackenporsche fest. „Man muss sich ja durchsetzen, sonst kommt man nirgendwo weiter.“ Mit 16 Brüdern sei sie groß geworden, da habe sie das so gelernt. Ihr Blick war ernst, ihre Zähne erinnerten mich an stumpfe Bleistiftspitzen. Ich sah sie an, sie erzählte weiter. Sie habe vor vielen, vielen Jahren ihre damals 20-jährige Tochter im Rollstuhl geschoben. Und gleichzeitig den Kinderwagen mit den Zwillingen der Tochter. Der Aufzug kam, wir stiegen ein. Sie wollten damals mit einem Bus fahren. Als der Bus hielt, stieg ein Mann aus, sah die Tochter und den Kinderwagen und statt zu helfen sagte er „Ein Krüppel, aber Kinder in die Welt setzen“. Sie habe daraufhin ihren Regenschirm rausgeholt und zugelangt.
Das Erlebnis ist schon lange her und zum Glück denken die meisten Menschen heute anders. Für die Frau ist es jedoch noch heute sehr präsent. Eine traurige Geschichte.

Die Mama sucht einen Krippenplatz

Wir haben dafür keine Betriebserlaubnis“, „Nein, wir haben keine ausgebildeten Leute …“, „Wir sind kein Integrationskindergarten“ … „Das tut mir wirklich so leid, ich bitte um Entschuldigung.
Ich suchte Anfang des Jahres nach einer Krippe für die Kleine. Dabei hatte ich überwiegend die gleichen Kriterien, die ich bei der Großen auch hatte. Ich überlegte, was ich wichtig finde, zum Beispiel, ob die Krippe ein schönes Außengelände haben sollte. Oder vielleicht passt ja eine Krippe mit Waldorfkonzept gut zu ihr? Soll der Schwerpunkt auf Musik, Kunst oder Bewegung liegen? Die Kleine ist für mich nicht das behinderte Kind. Sie ist ein ganz normales Kind, das eine Behinderung hat. Es war daher schlimm für mich festzustellen, dass ich für die Kleine nicht so frei eine Krippe suchen kann, wie für ein Kind ohne die Diagnose Down-Syndrom. Ich habe es nicht verstanden, dass ich mitten in Hamburg lebe und nun doch irgendwie nicht dazu gehören sollte. Konnte ich am Ende „froh“ sein, wenn wir eine Krippe fänden? Das war meine große Angst, es war das, was bei mir angekommen war.

Und die Behörden?!
 
Ich saß mit dem Laptop, Zetteln und Stift auf dem Boden neben der Kleinen, die sich auf ihrer Spieldecke einen Moment alleine beschäftigte. Ich rief bei der Abteilung Kindertagesbetreuung an, um Informationen einzuholen. Mir wurde mitgeteilt, dass es erst ab drei Jahren ein integratives Angebot für Kinder gäbe. Die Krankenkassen seien zuständig. Ich bat die Mitarbeiterin, sich zu erkundigen, da ich zuvor auf der Website der Stadt gelesen hatte, dass es seit Sommer 2013 in Hamburg einen Rechtsanspruch für alle Kinder ab einem Jahr gibt, auch für Kinder mit einer Behinderung. Sie legte den Hörer hin, ging zu einem Kollegen und teilte mir mit, dass es dazu noch keine Anweisung gebe. Wir verabschiedeten uns.

Später hatte ich noch Kontakt zu einem anderen Mitarbeiter. Diesmal: Es gebe den Rechtsanspruch für Kinder ab eins. Jedoch gebe es keine zusätzliche Förderung für Kinder mit einer Behinderung in der Krippe.

Ich hatte inzwischen schon selbst auf sehr umständlichem Weg herausgefunden, dass es den Rechtsanspruch in der Tat für alle Kinder seit Sommer 2013 gibt. Und, dass es sogar die Möglichkeit gibt, zusätzliche Personalstunden beantragen. Wie das genau abläuft, war bis dahin nirgendwo zu finden. Es machte mich traurig und es ärgerte mich, dass ich wie eine Detektivin eine Spur für jede kleinste Information verfolgen musste.

Tschüß – ich ziehe jetzt nach Inklusionien

In Gedanken sah ich uns schon umziehen. Nach Inklusionien. Ich hatte irgendwo beiläufig aufgeschnappt, dass es in der Schweiz eine ganz tolle Schule geben soll, die für ihr fortschrittliches, inklusives Konzept bekannt ist. Liegt dort vielleicht Inklusionien? Oder war das Italien, ich weiß das gar nicht mehr so genau. Und in Skandinavien oder in Kanada habe ich gehört, da wird sogar schon lange gemeinsam unterrichtet. Gut, dann eben dahin. Wenn ich da angenommen werde mit der Kleinen, so wie alle anderen Kinder auch, dann lern’ ich eben Schwedisch, Italienisch oder Suomi … Hauptsache, die sprechen auch Inklusivisch, denn das ist die Sprache, in der ich mich verständigen möchte. Also kündigte ich in Gedanken – ohne Ziel – die Wohnung, stellte mir vor, wie ich eine tolle Schule für die Große finden würde. Will ich mir das wirklich antun? Will ich hier bleiben, wo so viele noch überlegen, OB Inklusion  richtig ist und nicht WIE sie funktionieren kann? In einer Welt, in der es noch nicht mal selbstverständlich ist, ein Kind mit Down-Syndrom in einer Krippe anzumelden?

Ich bin erst mal geblieben. Nicht, weil hier alle fließend Inklusivisch reden, aber weil ich in meiner Krippensuch-Geschichte auch viele schöne Erfahrungen gemacht habe. Eine ganz kleine Krippe zum Beispiel, die noch niemals ein Kind mit einer Behinderung bei sich aufgenommen hatte, sagte ohne mit der Wimper zu zucken „Ja“ zu der Kleinen. Eine weitere Krippe reagierte ebenso. In meinen Gesprächen spürte ich auch Offenheit, Interesse, Wärme und Menschlichkeit. Und wir haben eine tolle Kita mit Krippenbereich gefunden. Wir haben nun noch ein paar Monate Zeit, bis sie dort hingehen wird, noch bin ich in Elternzeit.

Die lernende Gesellschaft – ein optimistischer Ausblick 

Wenn ich nun einmal von mir als Mama ausgehe … ich habe mir nicht ausgesucht, dass die Kleine das Down-Syndrom hat. Und dennoch ist unser Leben mit ihr sehr viel reicher geworden. Die Große, der Papa und ich sind ein Stück über uns hinausgewachsen. Weil wir es mussten, weil wir keine andere Wahl hatten. Das hätte ich vielleicht vorher so nicht erwartet, mir nicht vorstellen können. Ich kann und möchte nicht sagen, dass ich es nicht schaffe, ein Kind mit einer Behinderung zu erziehen. Ich bin auch noch nie auf den Gedanken gekommen, zu beklagen, dass ich doch gar keine Erfahrungen habe mit dem Down-Syndrom, dass ich nicht darauf vorbereitet war. Ich weiß, wie wichtig es ist, ein Kind in Liebe anzunehmen. Aber gilt das nur für die Familie? Ist es für die Kleine nicht genauso wichtig, von der Gesellschaft angenommen zu werden? Sie fühlt auch, wenn sie (wegen ihrer Behinderung) nicht gewollt ist, und das soll dann ohne seelischen Schaden vonstatten gehen …

Warum sollte es denn nicht möglich sein, die Erfahrungen, die Eltern machen, auf andere Menschen zu übertragen, auf Organisationen, auf Teams, auf Erzieher und Lehrerkollegien, auf die Gesellschaft?! Auf den Mitarbeiter in der Abteilung für Kindertagespflege, die Menschen in den Krippen, die sagten „Nein, wir haben dafür keine Betriebserlaubnis“ oder „wir sind keine Integrations-Kita“. Jeder könnte jeden Moment eine Behinderung bekommen. Oder ein Kind, ein Enkelkind oder eine Nichte, die eine Behinderung hat. Sollen all diese Menschen denn nicht auch lernen und über sich hinauswachsen können? So wie ich es als Mama getan habe und viele Mütter, Väter und Geschwister vor uns.

Lasst uns alle Inklusivisch lernen!

Die Regenschirm-Frau hatte erzählt, wie sie auf ihre Art versucht hat, die Würde ihrer Tochter und Enkelkinder zu verteidigen. Niemand möchte in so eine Situation geraten und niemand möchte gerne einen Regenschirm abbekommen. Mein Vorschlag lautet daher: Lasst uns alle Inklusivisch lernen!