Kategorie: Schwangerschaft

Guter Hoffnung

Was für ein unbeschwerter Tag. Zufrieden und müde liege ich im Bett des Hotelzimmers. Der Raum ist dunkel, die Vorhänge sind zugezogen, nur das Leuchten meines Notebookbildschirms und ein winziger Spalt unter der Zimmertür lassen etwas Licht hinein. Durch das geöffnete Fenster kann man die Möwen hören, die Ostsee ist nur wenige Meter von uns entfernt. Die Kleine liegt in ihrem Bett und schläft friedlich. Die Große teilt sich ein Zimmer mit ihrer Cousine.

Gestern erst sind wir hier an der Ostsee angereist und verbringen nun ein paar Tage mit den Großeltern und ihren Enkelkindern. Eben, nach dem Essen, sind wir an den Strand gegangen. Die Kleine wusste gar nicht, wohin sie zuerst krabbeln soll, so fasziniert war sie von dem Sand, der ihr endlos erscheinen muss, ebenso wie das Meer , dessen leichtem und regelmäßigem Wellenschlag sie lauschte.

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Foto: privat

Wie macht die Möwe?

Im Lieblingsbuch der Kleinen sind Tierkinder zu sehen und daneben steht, welche typischen Geräusche sie machen. Beim Esel lacht sie sich gerne schlapp, wenn ich dann „I-Ah!“ mache. Das Maunzen der Katze macht sie manchmal nach und das klingt sehr niedlich. Aber am liebsten mag sie den kleinen Löwen, sie gibt dann ein „Uahh!“ von sich und bemüht sich, dabei ein gefährliches Gesicht zu machen. Oft macht sie das „Uahh!“ auch einfach so, wenn wir unterwegs sind und sie strahlt, wenn man dann sagt „Oh, du bist ja ein gefährlicher Löwe!“ Eben am Strand kamen uns die Möwen sehr nah und ich sagte zu ihr „Guck mal da, eine Möwe“, als sie dann „Uahh!“ machte, musste ich lachen. Nein, den Löwen meinte ich nicht und bemühe mich, nun etwas deutlicher zu sprechen.

Foto: privat

Schöne Nachrichten: Bald sind wir zu fünft

Dass ich am frühen Abend schon so müde bin, habe ich aber nicht nur der frischen Meeresbrise zu verdanken. Wir sind überaus glücklich darüber, dass wir bald ein Baby erwarten. Ich bin schwanger und noch in diesem Jahr werden wir zu fünft sein. Eine spannende und aufregende Zeit liegt vor uns. Eine Zeit, in der sich mal wieder viel verändern wird. Die Große fragt mich bald täglich, ob es ein Junge oder ein Mädchen wird, aber wir wissen es noch nicht. In diesen Tagen kann ich aber vielleicht sogar schon damit rechnen, die ersten Bewegungen, dieses Schmetterlingsflattern, zu spüren und es ist, als sei es erst gestern gewesen, dass ich bei der Kleinen drauf gewartet habe. Was für ein Sommer!

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Foto: privat

Unfassbar geschmacklose Werbung

Unfassbar und so offensichtlich menschenverachtend ist diese Werbeaktion, mit der das Schweizer Unternehmen Genoma Swiss Biotechnologie für eines seiner Produkte – einen Test zu Erkennung von Down-Syndrom – geworben hat. Die Debatte um Tests zur Früherkennung des Down-Syndroms erreicht damit eine neue Dimension.

Was klingt wie Science-Fiction, ist ein wahr gewordener Albtraum: Das Gesicht eines jungen Mädchens mit Down-Syndrom strahlte vergangene Woche in Spanien auf einem Werbebanner für einen pränatalen Test zur Früherkennung des Down-Syndroms. Der Test trägt den höhnischen Namen Tranquility, was in etwa Ruhe, Gelassenheit oder auch Seelenfrieden bedeutet. Nicht, dass dies an Geschmacklosigkeit nicht schon ausreichen würde. Die Firma hat die Familie noch nicht einmal gefragt und dieses Foto ohne ihr Wissen und Einverständnis benutzt!!

 

Christie, die Mutter des Mädchens, ist Bloggerin und schreibt, dass eine aufmerksame Passantin ihre Tochter auf dem Werbebanner erkannt und sie informiert habe. Auf Twitter postete sie diesen Beitrag:

Stört die RuheRote Karte für Tranquility®

Genoma nimmt laut Medienberichten angeblich die Werbung zurück und redet sich damit raus, einen Fehler begangen zu haben. Doch ich bin bei Recherchen auf dieses Bild gestoßen und das spricht eine ganz andere Sprache:

Dieser Beitrag auf Twitter  wurde von Google so übersetzt, dass schwangere Frauen am Welt-Down-Syndrom-Tag einen Rabatt für den Test erhalten sollen. Und auch auf diesem Bild sind die Gesichter von Kindern mit Down-Syndrom zu sehen. Ein einmaliger Fehler?! Ich bin fassungslos, mir fehlen die Worte … 

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Eigentlich wäre mein Kind nicht auf der Welt

Ich sitze auf einem sauberen Teppich auf dem Boden einer Musikschule, die Beine lang ausgestreckt, die Kleine sitzt in gleicher Position vor mir. Wir sind zum ersten Mal dort. Die Kleine liebt es, wenn ich ihr etwas vorsinge (und das, obwohl ich gar nicht singen kann). Sie liebt Musik und ruhige, sanfte Klänge. Wenn ich ihr ihr Lieblingsstück anmache („One Evening“ von Gonzales) , hält sie inne und hört genau hin, so als würde ihr jemand eine spannende Geschichte erzählen. Dann beginnt sie mit den Beinen und dem Kopf zu wippen vor Freude. Also habe ich einen passenden Kurs gesucht und schließlich einen Platz bekommen. Beinahe wäre daraus nichts geworden, da wir ausgerechnet zu der Uhrzeit einen Kurs angeboten bekamen, zu der sie sonst Physiotherapie hat. Aber dank der tollen Therapeutin haben wir den Termin nun verlegen können. Jetzt habe ich mit der Kleinen vier Termine pro Woche. Einmal gehen wir zur Logopädie, einmal zur Physiotherapie und einmal in der Woche bekommen wir Besuch von einer Heilpädagogin, die Frühförderung mit ihr macht. Und jetzt ist eben noch die Musik hinzugekommen.

Hey Mama – was ist los?

Ich sitze da und singe mit, ein wenig stolz bin ich ja ganz insgeheim, da ich ein paar Lieder schon kenne und so einigermaßen mitsingen kann. Die Leiterin begleitet einige Stücke mit ihrer Gitarre und einige am Klavier. Während wir das Begrüßungslied singen, schweife ich ab. Es ist das erste Mal, dass ich rausgehe aus meiner Schutzzone. Ich treffe zum ersten Mal in einem fremden Haus auf fremde Eltern und fremde Kinder, die keine Behinderung haben. Bisher hatte ich meist nur mit Eltern und Kindern zu tun, mit denen ich befreundet war oder die ich aus dem Geburtsvorbereitungskurs kenne. Oder mit Kindern, die auch Down-Syndrom haben. Ich fühle mich plötzlich etwas schwach, verletzlich, die starke Mama hatte ich da draußen vor der Tür im Regen stehen lassen. Ich hätte mich gern vorgestellt und gesagt, dass die Kleine Down-Syndrom hat. Ich hätte gern das Thema eröffnet, damit alle wissen, dass ich darüber offen spreche und es kein Tabuthema wird. Aber es bot sich keine passende Gelegenheit. Ich genieße es dann, nicht darüber zu sprechen.

Kopfkinomusical 

Gedanken schossen wie Blitze durch meinen Kopf: „Sehen sie ES?“, was denken die anderen „Wie alt sie wohl ist?“, „Hat sie es vorher gewusst?“ Eine Oma ist mit ihrem Enkel dort. Sie lacht die ganze Zeit. Ich sehe ihr fröhliches Gesicht und lese darin „Du Arme, in deiner Haut möchte ich auch nicht stecken.“ Die Oma war eine liebevolle und stolze Oma, die anderen Frauen und die Leiterin hatten einfach Freude mit den Kleinen zu spielen und zu singen. Und ich habe so fiese Gedanken … Es ist meine Angst, die in mir gesprochen hat. Angst, dass Menschen so über mich oder die Kleine denken könnten. Ich stelle fest, ich bin immer wieder dabei, das Laufen zu lernen in der Welt da draußen.

Hey Mama – geht‘s noch !?

Das Blitzen geht ab und zu sogar noch heftiger. Manchmal schießt mir die Frage durch den Kopf: Wie stehen die Menschen hier in der Bahn, im Supermarkt oder im Café wohl zur Pränataldiagnostik? Neun von zehn Frauen, die erfahren, dass ihr ungeborenes Kind eine Trisomie hat, beenden die Schwangerschaft. Ich möchte die Menschen aber nicht verurteilen, ich kenne sie ja gar nicht. Ich möchte die Lebensentscheidungen anderer Frauen respektieren. Es geht hier natürlich überhaupt nicht um die Frauen, denen ich irgendwo auf den Straßen flüchtig begegne. Mir ist (zum Glück) bewusst, dass es Gedanken und Vorstellungen sind, die in diesem Moment einzig und allein in mir stattfinden.

Gibt es einen heimlichen Plan?

Als die Kleine wenige Wochen alt war, las ich zum ersten Mal, dass neun von zehn Schwangerschaften abgebrochen werden, wenn im Rahmen der Vorsorge eine Trisomie erkannt wird. Bis zur Geburt ist das noch möglich. Das hat mich geschockt. Hatte ich einen Trend verpasst? Ich habe soeben ein Kind mit Down-Syndrom auf die Welt gebracht und dann festgestellt, dass an ihrer „Abschaffung“ im Stillen schon lange fleißig gearbeitet wird. Ich kann das bis heute nicht einordnen, nicht verstehen und in meinem tiefsten Inneren nicht einfach hinnehmen. Wie kann es sein, dass die Lebensberechtigung von Menschen aufgrund einer Behinderung pauschal infrage gestellt wird?

Du hast da was auf der Stirn stehen, Mama

Seit einiger Zeit sind verschiedene Bluttests auf dem Markt, die mit nur wenig mütterlichem Blut innerhalb kürzester Zeit eine Aussage über eine mögliche Trisomie treffen können. Inzwischen gibt es sogar einen Test, der bereits nach einer Woche ein Ergebnis verspricht und bereits ab der neunten Schwangerschftswoche eingesetzt werden kann. Die Preise dafür sinken immer weiter. Die Hersteller bieten damit eine einfache Lösung an, eine Trisomie noch innerhalb der ersten drei Monate zu fahnden, zu erkennen, um dann auf Wunsch die Schwangerschaft zu beenden. Die Selbstverständlichkeit, mit der im Rahmen der Schwangerenvorsorge ein Abbruch bei Erkennen einer Trisomie 21 in Erwägung gezogen wird, ist eine Erniedrigung, ein Drama und eigentlich ein Skandal.
Auf meiner Stirn steht geschrieben „Eigentlich wäre mein Kind nicht auf der Welt“, wie grausam meine Gedanken sind. Verzweifelt. Ich finde keinen Einklang mit dieser  Haltung. Ich freue mich sehr, wenn ich sehe, dass es auch anders gehen kann.  Es ist möglich, mit dem Thema bewusster und sensibler umzugehen.

Die Geschichte von der Insel Chromosomien

Mal angenommen, alle Menschen mit Down-Syndrom hätten die Nase voll von dieser Welt. Und sie suchten sich eine Insel, auf der sie in Ruhe leben könnten. Sie hätten ihre eigenen Regeln und Gesetze. Sie bauten Häuser und Straßen nach ihren Vorstellungen und … Irgendwann spräche sich auch auf dem Festland herum, dass die Menschen auf Chromosomien sehr glücklich sind.
Auf dem Festland sind die Menschen gestresst, haben wenig Zeit für Dinge, die ihnen Freude bringen. Sie müssen arbeiten, mehr und immer mehr. Jeder möchte dazugehören und etwas erreichen, sich ein Auto leisten, ein Haus, Schmuck, dem anzusehen ist, das er teuer war, schicke Kleider. Vor lauter Strampeln und Karriereleiternhochklettern geht den Menschen dann irgendwann die Lebenskraft verloren. Sie werden krank, sie sind unglücklich und haben keine Medizin dagegen, nichts will ihnen mehr helfen. Ihre Welt droht schließlich zusammenzubrechen. Dann fällt ihnen diese Insel ein und sie möchten das Geheimnis des Glücks und der Zufriedenheit erkunden. Mit letzter Kraft schwimmen sie hinüber zu der Insel (das ist sehr anstrengend, weil die Insel genau 21 Kilometer vom Festland entfernt liegt) und bieten den Menschen dort sehr viel Geld (das steckte noch in der Sakkotasche) für eine Schulung die Heilung bringen soll. Wie würde es wohl weitergehen ..?

Wusstet ihr es schon vorher?

Es war ein warmer Sommertag, die Sonne schien, ich steuerte mit zwei anderen Mamas kinderwagenschiebend eine große Wiese an. Beide Mamas haben ebenfalls Babys mit Down-Syndrom. Eine breitete eine Decke aus, wir legten die Kleinen in die Mitte und setzten uns drumherum, wie um ein Lagerfeuer, das man Ewigkeiten beobachten könnte.

Vielleicht fünf Meter hinter uns machten sich im Gebüsch kleine Mäuse bemerkbar … ich habe leider schon immer etwas Angst vor Mäusen gehabt. Sie huschten zu meiner Erleichterung die ganze Zeit nur unter dem Geäst herum und zeigten kein Interesse an uns, sodass es mir weitgehend gelang, mich einigermaßen zu entspannen. Wenn wir Mamas uns treffen, haben wir viel zu reden. Und trotzdem fällt mir hinterher ein, dass ich noch ganz viel vergessen habe zu erzählen oder zu fragen. Wir sprachen an jenem Tag über Familienplanung, über Breichen, ich erzählte von der Großen, wir redeten darüber, wann wir wieder arbeiten werden und über Kindergärten und Schulen. Später liefen wir zusammen in Richtung U-Bahn und kurz vor unserem Abschied sprachen wir darüber, dass wir oft gefragt werden, ob wir schon vor der Geburt wussten, dass unsere Kinder Down-Syndrom haben.

Schwangerschaft beenden – ja oder nein?

Ich erlebe es häufig so, dass die Gesprächspartner dann laut nachdenken, was sie getan hätten, hätte man ihnen in der Schwangerschaft mitgeteilt, dass ihr Kind das Down-Syndrom hat. Und plötzlich kreisen die Gespräche um die Frage „Schwangerschaft beenden: ja oder nein?“. Wir sind darauf gekommen, weil eine der Mamas kürzlich eine Begegnung mit einem Mann hatte, ein Arzt, der Vater von zwei Kindern ist. Er sagte, dass er auf keinen Fall ein Kind mit Down-Syndrom haben möchte. Er fände, dass es okay sei, ein ungeborenes Leben zu beenden, wenn man anschließend ein neues in die Welt setze.

Lasst uns reden – nur wie?

Ich habe festgestellt, dass ich mich nach solchen Gesprächen manchmal müde fühle, wie ferngesteuert. Ich weiß, dass ich selbst meist zu dieser „Ja-Nein-Diskussion“ beitrage, schon indem ich von meiner Schwangerschaft erzähle. Wenn ich erzähle, wie es war … Dass es bei uns bereits Hinweise auf eine Trisomie gab, die aber für sehr unwahrscheinlich gehalten wurde. Und dass ich mich zusammen mit dem Papa gegen weitere Untersuchungen entschieden habe, da ein Abbruch nicht in Frage gekommen wäre. Also wundere ich mich nicht, wenn als Reaktion auf meine Schilderungen spekuliert wird, was man selber in dieser Situation getan hätte. (Ich werfe das niemandem vor, ich hoffe, das kommt auch nicht so rüber.) Ich finde es gut, wenn darüber gesprochen wird und es soll ja auch kein Tabuthema sein, im Gegenteil!

Nur kann ich das als Mutter meiner Tochter, die das Down-Syndrom hat, nicht sachlich und theoretisch betrachten. Es verursacht in mir ein regelrechtes körperliches Unwohlsein, wenn die Existenz von Menschen mit Down-Syndrom in Frage gestellt wird.

Mein Plan lautet: lieben!

Viele sagen dann im Laufe eines Gespräches, dass sie genauso entschieden hätten. Manche wägen ab und sagen, bei Down-Syndrom hätten sie genauso gehandelt, aber bei einer „schwereren“ Behinderung nicht. Ich mag mich dann selbst kaum reden hören. Die Kleine ist da, und jetzt darüber nachzudenken, dass ich hätte entscheiden können, dieses Leben zu beenden, bevor es wirklich angefangen hat, fühlt sich nicht gut an.

Für mich ist es erfüllend zu wissen, dass ich die Kleine so liebe, wie sie ist, mit allem drum und dran, bedingungslos. Es gibt mir Stärke zu wissen, dass ich das kann. Ich möchte jeden Menschen um mich herum so lieben, wie er ist: die Große, den Papa, meine Eltern und meinen Bruder … Ich wünsche mir, dass ich diese Fähigkeit immer haben werde, egal, was noch vor uns liegt.

Wann und wie entscheiden?

Ich glaube, jeder Mensch kann seine Entscheidung nur treffen, wenn er in der Situation ist. Selbst wenn viele jetzt sagen würden, dass für sie ein Leben mit einem behinderten Kind nicht vorstellbar ist, glaube ich, dass sie ihre Entscheidung über einen möglichen Schwangerschaftsabbruch mit einem Baby im Bauch noch mal anders betrachten würden.

Eine der Mamas, mit denen ich spazieren war, wusste bereits während der Schwangerschaft, dass ihr Kind das Down-Syndrom hat. Sie entschied sich mit ihrem Mann zusammen dafür, das Kind zu bekommen.

Die andere Mama erzählte, dass es für sie die schlimmste Vorstellung war, ein Kind mit einer Behinderung zu bekommen. Sie ist heute eine Mama mit Leib und Seele, die ihr Kind über alles liebt. Sie ist froh, dass sie es nicht vorher wusste, da sie aus Unwissenheit und Angst anders entscheiden hätte.

Ich reiche also meinen Antrag auf Befangenheit ein, ich kann mich nicht sachlich beteiligen an diesen Fragen … von mir gibt es aus tiefstem Herzen ein klares „Ja!“ zum Leben, zu jedem Leben.

Rückblick auf die Schwangerschaft

Die Kleine liegt neben mir im Bett. Sie schläft, ich höre ihren gleichmäßigen, ruhigen Atem und drehe mich auf die Seite. Sie sieht so friedlich und zufrieden aus. Ich rieche ihren süßlichen Babyduft. Ich sehe sie an und umfasse ihre kleine Hand. In wenigen Wochen werden wir ihren ersten Geburtstag feiern. Der erste Geburtstag ist ein Meilenstein. Die Tage, die Wochen und Monate, die hinter uns liegen, fassen wir dann zusammen und sagen ein Jahr dazu. Wie unfassbar glücklich wir in diesem allerersten, magischen Moment nach der Geburt waren. Und wie dann die Angst und Ohnmacht hereinplatzten und nicht mehr weggingen … sie wollten uns einfach nicht verlassen. Danach erlebten wir extreme Tage … an denen wir abwechselnd Freude, Liebe, dann wieder Angst, Unsicherheit und Trauer spürten. Wir hatten das Gefühl, in einem Traum zu leben, aus dem man nicht mehr aufwacht.

Stimmt etwas nicht?

Es gab bei der Kleinen schon während der Schwangerschaft den Verdacht auf eine Trisomie. Der Papa und ich gingen in der 20. Schwangerschaftswoche zum Vorsorgetermin. Es war das erste Mal, dass er die Kleine live auf dem Monitor sehen sollte. Die Ärztin rollte mit dem Ultraschallkopf auf meinem Bauch hin und her. Der Papa und ich richteten unsere Blicke auf den Monitor und schauten die Kleine an. Für mich war klar, dass alles in Ordnung ist, ich fühlte mich ausgesprochen gut mit meiner Kugel. Die Kleine sah ganz fidel aus, ein winziges Wunder. Wir sahen ihre Beine, ihre Arme, den Kopf, konnten zusehen, wie sie sich bewegte.

Wir ahnten nichts

„Ich muss Sie ins Pränatalzentrum schicken, zur Kontrolle …“ Im Gehirn des Babys hätten sich zwei mit Wasser gefüllte Zysten gebildet, diese seien im Grunde völlig ungefährlich. Allerdings könnten sie ein Hinweis auf eine Trisomie sein. Stille. Es dauerte bis die Worte der Ärztin ankamen.
Ich zog mein Oberteil wieder zurecht und wir gingen schweigend in das Besprechungszimmer. Die Ärztin zog ein Buch aus ihrem Regal und blätterte eine Weile hin und her. Es war immer noch still, nur das Rascheln der Seiten war zu hören. Dann hatte sie etwas gefunden und erklärte uns, dass diese Zysten den Namen Plexuszyten haben. Sie könnten ein Hinweis auf eine Trisomie 18 sein, das sei aber eher unwahrscheinlich, in ihrer Praxis habe sich der Verdacht bisher bei anderen Schwangerschaften nicht bestätigt.

Ruhig bleiben

Dem Papa und mir gelang es ganz gut ruhig zu bleiben. Die Arzthelferin war sehr bemüht, noch am gleichen Tag einen Termin für mich zu bekommen und verbrachte einige Zeit am Telefon, bis sie schließlich Erfolg hatte.
Der Papa hatte einen beruflichen Termin und konnte nicht bei mir bleiben. Mir war das in dem Moment sogar lieber, dort alleine hinzugehen. Ich wollte daraus nicht so eine große Sache machen. Denn wenn er dabeibleiben würde, dann wäre das für mich eine große Sache. Wenn jemand so kurzfristig einen Termin absagen muss, dann muss es schon fast ein Notfall sein, und ich wollte keinen Notfall. Wir verabschiedeten uns mit einem Kuss, die Handys blieben an.

Was sagt Dr. Google dazu?

Ich hatte noch einige Stunden Zeit bis zu dem Termin im Pränatalzentrum, setzte mich in ein Café, zog mein Handy aus der Tasche und gab bei Google Plexuszysten ein. Ich las in Foren von einigen Fällen, in denen sich Plexuszysten gebildet hatten und dann nach der Geburt alles gut war. Über Trisomie 18 las ich, dass diese Babys häufig bereits im Mutterleib sterben würden oder kurz nach der Geburt.

Feindiagnostik

Kurze Zeit später saß ich im Wartezimmer einer Praxis für Pränatalmedizin. Alleine, ich war die einzige Patientin weit und breit. Ich kramte in meiner Tasche und holte etwas zu trinken heraus. Als ich die Flasche öffnete, schoss das ganze Wasser heraus, es hatte sich zu viel Druck gebildet. Meine Hose war nass, auf dem Boden sammelte sich das Wasser zu einer Pfütze. Ich wühlte wieder in meiner Tasche, diesmal nach Taschentüchern, und trocknete den Boden damit. Ein junge Frau kam herein und stellte sich als Hebammenschülerin vor. Sie war sehr freundlich und half mir, die Pfütze zu beseitigen. Dann führte sie mich in den Untersuchungsraum, wo mich die Ärztin begrüßte. Der Raum war abgedunkelt, die Lamellen am Fenster waren zugezogen, das Licht gedämpft. Ich könnte schwören, dass wir im Flüsterton miteinander geredet haben. Die Ärztin untersuchte mich ausgiebig. Feindiagnostik, modernste 3-D-Technik. Die Bilder sind nicht schwarz-weiß wie bei meiner Ärztin. Das Bild auf dem Monitor schaut aus, als habe man einen Sepia-Effekt eingestellt. Ab und zu sieht man blaue und rote Linien aufblitzen, die den Blutfluss darstellen.

Eine Trisomie ist unwahrscheinlich 

Die Ärztin erklärte jeden ihrer Schritte. Als sie fertig war mit ihrer Untersuchung, fasste sie zusammen. Es gebe einen white spot im Herzen und die Plexuszysten im Gehirn. Beides sei an sich ungefährlich. Ein white spot könne ein Hinweis auf eine Trisomie 21 sein, die Plexuszysten würden eher mit Trisomie 18 in Verbindung gebracht. Es gebe keine weiteren Auffälligkeiten und zusammenfassend sei es unwahrscheinlich, dass die Kleine eine Trisomie habe. Wenn wir es jedoch genau wissen wollten, so müssten wir eine Fruchtwasseruntersuchung machen. Sie klärte mich über die Risiken auf. In seltenen Fällen kann es durch eine Fruchtwasseruntersuchung zu einer Fehlgeburt kommen. Außerdem, erklärte sie, gebe es seit Kurzem einen Bluttest, der aber noch recht teuer sei und die Zuverlässigkeit der Aussagen noch umstritten. Die Ärztin bot an, dass wir mit einer Humangenetikerin reden könnten, wenn wir weitere Beratung wünschten.
Etwas erleichtert, aber nicht erlöst, verließ ich die Praxis. Der Papa kam mir schon entgegen, sein Termin war inzwischen beendet. Wir gingen spazieren, redeten und schwiegen, versuchten einzuordnen. Wir setzten uns auf eine Bank und schauten in die Ferne, ein Gewitter zog auf. Ich machte mir Sorgen um die Kleine, wollte sie am liebsten in den Arm nehmen.

Sie müssen sich beeilen

Ich rief am gleichen Abend noch mal in der Praxis für Pränatalmedizin an, um einen Beratungstermin bei der Humangenetikerin auszumachen. Ich sprach mit dem leitenden Arzt am Telefon. Er schaute sich die Ergebnisse der Untersuchung noch mal an und sagte: „Sie müssen sich beeilen, wenn Sie weitere Untersuchungen machen möchten.“ Er rechnete, wie lange es brauchen würde, bis die Ergebnisse vorliegen und in welcher Schwangerschaftswoche ich dann wäre. Ich brauchte ein bisschen, um zu verstehen, dass er mit mir über eine mögliche Abtreibung sprach. Es fühlte sich an, als wenn mir ein kriminelles Angebot gemacht würde. Mir wurde schlecht.

Die humane Genetikerin

Das Gespräch mit der Humangenetikerin konnten wir einen Tag später führen. Ich wusste gar nichts über die Aufgaben eines Humagenetikers und stellte mir vor, dass so jemand den ganzen Tag mit einer Brille und einem Kittel zwischen Reagenzgläsern und Mikroskopen hin und her läuft.
Unsere Humangenetikerin kam gut gelaunt und ohne Kittel in den Beratungsraum. Sie schaute sich die Untersuchungsergebnisse an und wirkte ganz locker und unbesorgt. Ich fühlte mich sehr gut aufgehoben bei ihr. Sie erklärte alles noch mal in Ruhe. Es war auch für den Papa wichtig, die Informationen von einer Ärztin zu hören und nicht nur von mir. Auch sie fasste zusammen, dass die Wahrscheinlichkeit einer Trisomie sehr gering sei. Sie sagte, man könne es auch so sehen, dass wir durch die Feindiagnostik ganz viele mögliche „Fehler“ ausschließen könnten.

Wie ging es weiter?

Die Schwangerschaft war nun nicht mehr so unbeschwert, wie sie es zuvor war. Ich hatte noch einige Untersuchungen, weil immer mal wieder hier und da etwas auffiel, dann aber bei genauem Hinsehen immer wieder relativiert werden konnte. Zusammengezählt haben neun Ärzte uns gesagt, dass sie es für extrem unwahrscheinlich hielten, dass die Kleine eine Trisomie habe. (Niemand sagte das ohne anzumerken „Wenn Sie es genau wissen wollen, müssen Sie weitere Untersuchungen machen lassen …“. Eine Absicherung für die Ärzte, die keine Sicherheiten geben konnten.) Ich sehe noch den Chefarzt einer Klinik vor mir, wie er nach einem Untersuchungstermin sagte: „Und, sind Sie erleichtert?!“ Okay, dachte ich, wenn er das sagt, sind meine Sorgen wohl unberechtigt.

Und heute? 
Heute habe ich den Wunsch zu feiern. Ich möchte feiern, dass die Kleine da ist! Ich möchte zeigen, wie sehr ich mich über sie freue und dass ich stolz bin auf sie. Ich möchte diese Freude teilen – mit der Familie und mit Freunden. Ich weiß sehr genau, dass wir alle nach der Geburt Zeit brauchten, durcheinander waren, geschockt. Und ich weiß auch, dass die Kleine vielen lieben und tollen Menschen ans Herz gewachsen ist. Die Gefühle von Ohnmacht und Sorge haben die Leichtigkeit anfangs eingenebelt. Es ist, als wenn ich etwas zurückhole, was der Kleinen „zusteht“, was mir als Mutter zusteht, ihrer Schwester und auch dem Papa… Nach der Geburt habe ich die Momente der unbeschwerten Freude über den kleinen Menschen so schmerzlich vermisst. Und jetzt ist die Zeit, genau das nachzuholen.