Heute möchte ich euch von den aktuellen Ergebnissen der Befragung zur Inklusion und Wahrnehmung von Menschen mit geistiger Behinderung der Bundesvereinigung Lebenshilfe berichten. Ziel der Befragung war zum einen, die Einstellung der Bevölkerung zu Menschen mit einer geistigen Behinderung zu erheben. Zum anderen zielte sie darauf ab, ein Meinungsbild der Bevölkerung zur Schulsituation von Kindern mit einer geistigen Behinderung aufzuzeigen. Insbesondere die Einstellung der Befragten zum Thema Förderschule lässt mich nachdenklich werden …

Die Ergebnisse

Jeder zweite Bürger denkt bei Menschen mit einer geistigen Behinderung an Berührungsängste. Nur jeder Fünfte hat von den UN-Konventionen gehört. Und (nur) jeder Fünfte hat tatsächlich Kontakt zu Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Der überwiegende Teil der Bevölkerung assoziiert Hilfsbedürftigkeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung. Gefolgt von „lebensfroh“ mit 57 Prozent sowie „ausgegrenzt“ und „Mitleid“ mit jeweils 56 Prozent.

Ulla Schmidt, Bundesvorsitzenden der Lebenshilfe und seit Oktober 2013 Bundestagsvizepräsidentin, beschreibt, dass das Bild der Bevölkerung von hilfsbedürftigen Menschen mit einer geistigen Behinderung meist gar nicht mehr zutrifft: „Dieses Bild deckt sich nur noch sehr bedingt mit der Wirklichkeit, die wir als Lebenshilfe wahrnehmen. Danach nehmen immer mehr Menschen mit Behinderung ihre Interessen selbstbewusst in die Hand, ob am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld oder in Vereinen. Mitleid oder Berührungsangst sind unbegründet.“ (Ulla Schmidt, Bundesvorsitzende der Lebenshilfe)

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Die wenigsten Menschen glauben, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung „selbstständig“ oder „gut integriert“ sind (18 Prozent). Die Befragten, die Menschen mit einer geistigen Behinderung kennen, haben die positiven Begriffe häufiger genannt.

Eine uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Bezug auf den Lebensbereich Freizeit halten 19 Prozent für möglich. Dass Menschen mit einer geistigen Behinderung ihre Freizeit kaum oder gar nicht selbständig gestalten können, denken 14 Prozent.

Die Bevölkerung ist mit 62 Prozent überwiegend der Ansicht, dass eine eingeschränkte Teilhabe möglich ist. Ähnlich sieht das Meinungsbild bezüglich des selbständigen Wohnens und der Bereiche Schule, Reisen und Teilnahme am Arbeitsleben aus.

Förderschule ist das Beste!? 

Besonders auffallend ist, dass mit 71 Prozent die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Meinung ist, dass der Besuch einer speziellen Förderschule für Menschen mit einer geistigen Behinderung am besten sei. Insgesamt sticht besonders hervor, dass:
• beinahe 90 Prozent das Bild des hilfsbedürftigen Menschen mit einer geistigen Behinderung haben,
• jeder zweite Berührungsängste nennt,
• 71 Prozent glauben, die Förderschule sei am besten für Kinder mit einer geistigen Behinderung.

Ich habe den Eindruck, dass „Förderschule“ oftmals selbstverständlich damit gleichgesetzt wird, dass dort die SchülerInnen das höchste Maß an möglicher Unterstützung durch qualifizierte Lehrkräfte erhalten. Die Vorstellung, dass Kinder mit einer geistigen Behinderung an einer Schule für alle unterrichtet werden, suggeriert hingegen (leider auch medial geprägt) immer wieder das Bild, dass dort weniger oder nicht gut genug gefördert würde. Das mag daran liegen, dass die Umsetzung in vielen Fällen aus unterschiedlichen Gründen nicht ideal läuft. Inklusion kann zu einem reißerischen Thema gemacht werden, besonders wenn etwas nicht gelingt. Aber eine schlecht umgesetzte Förderung hat inhaltlich erst mal nicht viel mit Inklusion zu tun. Es geht bei inklusiver Bildung nicht um das Abschaffen von Förderung oder um die Gleichmacherei aller Menschen. Es geht um Anerkennung der Individualität eines jeden Menschen und um einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung.

„Alle Menschen haben einen besonderen Förderbedarf, alle, dafür braucht man keine Behinderung, denn wir lernen alle unterschiedlich.“ (Diesen Satz hat Vernor Muñoz im Rahmen eines Vortrags zum Recht auf Bildung 2009 in Oldenburg gesagt. Vernor Muñoz ist Philosoph, Pädagoge, Rechtsanwalt und war von 2004 bis 2010 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung.)

Inklusion: das Mega-Change-Management-Projekt

Inklusion ist wie ein gesellschaftliches Mega-Change-Management-Projekt. Es verlangt ein exzellentes Projektmanagement, das die Menschen und die gegebenen Strukturen mit einbezieht. Veränderungen werden oftmals von einem Teil der Beteiligten zu Beginn abgelehnt oder misstrauisch beäugt. Im Idealfall lassen sich die Menschen im Laufe der Zeit für Neues gewinnen. So ist es für viele gar nicht so einfach, zu verstehen, warum ein Kind mit Down-Sndrom auf ein Gymnasium gehen soll. Ich kann mich erinnern, als ich Meldungen dazu in der Presse verfolgt habe, da schoss mir einen Moment der Gedanke in den Kopf, dass das irgendwie nicht zusammenpasste. Wie vermutlich viele andere Leser auch, fragte ich mich, warum. Wo doch ein Kind mit Down-Syndrom nicht das Abitur machen wird (aber wer weiß das schon?!). Bei genaueren Hinsehen und den Fokus auf eine wirkliche Teilhabe gerichtet, wird deutlich, dass die Existenz von Gymnasien als exklusive und elitäre Bildungsinstitution eine Ausprägung des selektiven Schulsystems darstellt. Das oft kompromisslose Festhalten daran sollte noch viel intensiver überdacht werden.. Vor 100 Jahren hätte sich vielleicht auch niemand vorstellen können, dass Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden. Das gemeinsame Unterrichten ist in Hamburg zum Beispiel erst seit den 1950er Jahren üblich.

Unsere Herzen sollen einander berühren

Ich halte viel von einer inhaltlichen Diskussion zum Thema, die der Komplexität gerecht wird und die das Potenzial sowie die Schwierigkeiten von Inklusion angemessen berücksichtigt. Das ist vielleicht auch deshalb nicht einfach, weil wir oft nur für möglich halten, was wir kennen … Doch genau deshalb ist es auch so spannend und bereichernd!
Die Ergebnisse der Befragung im Hinterkopf, überlege ich; Wie könnten wir Inklusion besser voranbringen als sie vorzuleben?! Und zwar von klein auf? Die Erwachsenen von morgen können Inklusion erleben, wenn wir die Strukturen dafür heute schaffen. Denn dann erleben sie Menschen mit einer Behinderung nicht als „die anderen“, dann wären sie vertraut … ihre Herzen hätten einander berührt. 

Weitere Informationen und Zahlen zu der Befragung der Lebenshilfe gibt es hier!