Monat: November 2014

Hilfsbedürftig = Förderschule = Inklusion?

Heute möchte ich euch von den aktuellen Ergebnissen der Befragung zur Inklusion und Wahrnehmung von Menschen mit geistiger Behinderung der Bundesvereinigung Lebenshilfe berichten. Ziel der Befragung war zum einen, die Einstellung der Bevölkerung zu Menschen mit einer geistigen Behinderung zu erheben. Zum anderen zielte sie darauf ab, ein Meinungsbild der Bevölkerung zur Schulsituation von Kindern mit einer geistigen Behinderung aufzuzeigen. Insbesondere die Einstellung der Befragten zum Thema Förderschule lässt mich nachdenklich werden …

Die Ergebnisse

Jeder zweite Bürger denkt bei Menschen mit einer geistigen Behinderung an Berührungsängste. Nur jeder Fünfte hat von den UN-Konventionen gehört. Und (nur) jeder Fünfte hat tatsächlich Kontakt zu Menschen mit einer geistigen Behinderung.

Der überwiegende Teil der Bevölkerung assoziiert Hilfsbedürftigkeit mit Menschen mit einer geistigen Behinderung. Gefolgt von „lebensfroh“ mit 57 Prozent sowie „ausgegrenzt“ und „Mitleid“ mit jeweils 56 Prozent.

Ulla Schmidt, Bundesvorsitzenden der Lebenshilfe und seit Oktober 2013 Bundestagsvizepräsidentin, beschreibt, dass das Bild der Bevölkerung von hilfsbedürftigen Menschen mit einer geistigen Behinderung meist gar nicht mehr zutrifft: „Dieses Bild deckt sich nur noch sehr bedingt mit der Wirklichkeit, die wir als Lebenshilfe wahrnehmen. Danach nehmen immer mehr Menschen mit Behinderung ihre Interessen selbstbewusst in die Hand, ob am Arbeitsplatz, im Wohnumfeld oder in Vereinen. Mitleid oder Berührungsangst sind unbegründet.“ (Ulla Schmidt, Bundesvorsitzende der Lebenshilfe)

Teilhabe am gesellschaftlichen Leben

Die wenigsten Menschen glauben, dass Menschen mit einer geistigen Behinderung „selbstständig“ oder „gut integriert“ sind (18 Prozent). Die Befragten, die Menschen mit einer geistigen Behinderung kennen, haben die positiven Begriffe häufiger genannt.

Eine uneingeschränkte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben in Bezug auf den Lebensbereich Freizeit halten 19 Prozent für möglich. Dass Menschen mit einer geistigen Behinderung ihre Freizeit kaum oder gar nicht selbständig gestalten können, denken 14 Prozent.

Die Bevölkerung ist mit 62 Prozent überwiegend der Ansicht, dass eine eingeschränkte Teilhabe möglich ist. Ähnlich sieht das Meinungsbild bezüglich des selbständigen Wohnens und der Bereiche Schule, Reisen und Teilnahme am Arbeitsleben aus.

Förderschule ist das Beste!? 

Besonders auffallend ist, dass mit 71 Prozent die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung der Meinung ist, dass der Besuch einer speziellen Förderschule für Menschen mit einer geistigen Behinderung am besten sei. Insgesamt sticht besonders hervor, dass:
• beinahe 90 Prozent das Bild des hilfsbedürftigen Menschen mit einer geistigen Behinderung haben,
• jeder zweite Berührungsängste nennt,
• 71 Prozent glauben, die Förderschule sei am besten für Kinder mit einer geistigen Behinderung.

Ich habe den Eindruck, dass „Förderschule“ oftmals selbstverständlich damit gleichgesetzt wird, dass dort die SchülerInnen das höchste Maß an möglicher Unterstützung durch qualifizierte Lehrkräfte erhalten. Die Vorstellung, dass Kinder mit einer geistigen Behinderung an einer Schule für alle unterrichtet werden, suggeriert hingegen (leider auch medial geprägt) immer wieder das Bild, dass dort weniger oder nicht gut genug gefördert würde. Das mag daran liegen, dass die Umsetzung in vielen Fällen aus unterschiedlichen Gründen nicht ideal läuft. Inklusion kann zu einem reißerischen Thema gemacht werden, besonders wenn etwas nicht gelingt. Aber eine schlecht umgesetzte Förderung hat inhaltlich erst mal nicht viel mit Inklusion zu tun. Es geht bei inklusiver Bildung nicht um das Abschaffen von Förderung oder um die Gleichmacherei aller Menschen. Es geht um Anerkennung der Individualität eines jeden Menschen und um einen gleichberechtigten Zugang zu Bildung.

„Alle Menschen haben einen besonderen Förderbedarf, alle, dafür braucht man keine Behinderung, denn wir lernen alle unterschiedlich.“ (Diesen Satz hat Vernor Muñoz im Rahmen eines Vortrags zum Recht auf Bildung 2009 in Oldenburg gesagt. Vernor Muñoz ist Philosoph, Pädagoge, Rechtsanwalt und war von 2004 bis 2010 UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Bildung.)

Inklusion: das Mega-Change-Management-Projekt

Inklusion ist wie ein gesellschaftliches Mega-Change-Management-Projekt. Es verlangt ein exzellentes Projektmanagement, das die Menschen und die gegebenen Strukturen mit einbezieht. Veränderungen werden oftmals von einem Teil der Beteiligten zu Beginn abgelehnt oder misstrauisch beäugt. Im Idealfall lassen sich die Menschen im Laufe der Zeit für Neues gewinnen. So ist es für viele gar nicht so einfach, zu verstehen, warum ein Kind mit Down-Sndrom auf ein Gymnasium gehen soll. Ich kann mich erinnern, als ich Meldungen dazu in der Presse verfolgt habe, da schoss mir einen Moment der Gedanke in den Kopf, dass das irgendwie nicht zusammenpasste. Wie vermutlich viele andere Leser auch, fragte ich mich, warum. Wo doch ein Kind mit Down-Syndrom nicht das Abitur machen wird (aber wer weiß das schon?!). Bei genaueren Hinsehen und den Fokus auf eine wirkliche Teilhabe gerichtet, wird deutlich, dass die Existenz von Gymnasien als exklusive und elitäre Bildungsinstitution eine Ausprägung des selektiven Schulsystems darstellt. Das oft kompromisslose Festhalten daran sollte noch viel intensiver überdacht werden.. Vor 100 Jahren hätte sich vielleicht auch niemand vorstellen können, dass Jungen und Mädchen gemeinsam unterrichtet werden. Das gemeinsame Unterrichten ist in Hamburg zum Beispiel erst seit den 1950er Jahren üblich.

Unsere Herzen sollen einander berühren

Ich halte viel von einer inhaltlichen Diskussion zum Thema, die der Komplexität gerecht wird und die das Potenzial sowie die Schwierigkeiten von Inklusion angemessen berücksichtigt. Das ist vielleicht auch deshalb nicht einfach, weil wir oft nur für möglich halten, was wir kennen … Doch genau deshalb ist es auch so spannend und bereichernd!
Die Ergebnisse der Befragung im Hinterkopf, überlege ich; Wie könnten wir Inklusion besser voranbringen als sie vorzuleben?! Und zwar von klein auf? Die Erwachsenen von morgen können Inklusion erleben, wenn wir die Strukturen dafür heute schaffen. Denn dann erleben sie Menschen mit einer Behinderung nicht als „die anderen“, dann wären sie vertraut … ihre Herzen hätten einander berührt. 

Weitere Informationen und Zahlen zu der Befragung der Lebenshilfe gibt es hier!

„Einfach Sontje“ – Mit Kindern über das Down-Syndrom reden

„Sontje hat uns alle fest im Griff. Manchmal nervt sie uns, manchmal ist es anstrengend, auf sie zu warten, Rücksicht zu nehmen oder das zu machen, was sie gerade will … Wenn andere nach meiner Schwester mit Down-Syndrom fragen, erzähle ich ihnen, wie das Leben mit ihr ist: ein bisschen anders, aber doch auch so, wie es mit einer kleinen Schwester eben ist. Für mich ist sie einfach Sontje.“

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)

Es kann toll sein, mit Kindern über das Down-Syndrom zu sprechen, dann, wenn es an der Zeit ist, wenn es passt. Kinder haben häufig einen ganz anderen Zugang zu Themen wie Behinderung, der stärker vom Hier und Jetzt geprägt ist, weniger von (Zukunfts-)Sorgen. Und genau dann, wenn sich ein Kind für das Down-Syndrom interessiert, ist es großartig, ein Buch wie „Einfach Sontje“ im Bücherregal zu haben. „Einfach Sontje“ wurde im Oktober 2014 vom Deutschen Down-Syndrom Infocenter herausgegeben. Die Texte stammen von Michaela Hilgner und die Bilder von den Fotografinnen Maria Irl und Charlotte Sattler.

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
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Warum traurig sein?!

Es ist, als öffne jemand ein großes Fenster und winke uns freundlich herbei. Genau genommen ist es Antonia, ein 13-jähriger, sehr sympathischer Teenager, die uns in „Einfach Sontje“ Einblicke gewährt in den Familienalltag mit ihren zwei Brüdern Kilian und Elias sowie ihrer dreijährigen Schwester Sontje, die das Down-Syndrom hat. Dass ihre Eltern traurig sind, als sie noch während der Schwangerschaft erfahren, dass Sontje das Down-Syndrom hat, konnte Antonia nicht verstehen und fragte sich, warum?! Wo doch Kinder mit Down-Syndrom auch lachen und laufen lernen können?!

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)

Das 36-seitige und mit zahlreichen Fotos versehene Kinderbuch zeigt das Leben der dreijährigen Sontje. Mal sitzt sie kleckernd am Esstisch (was sie da wohl unter dem Tisch sucht?!), um sich dann im nächsten Bild ganz allein ihre Socken anzuziehen. Sontje werden ihre Zähne geputzt und sie geht in den Kindergarten, so wie die meisten Kinder. Auf einem Bild kann man Sontje dank ihres Gesichtsausdrucks förmlich weinen hören, nämlich als es beim Zöpfeflechten ungeheuerlich ziept und zwackt. Wir sind auch live dabei, als Sontje beim Einkaufen auf den einen unbeobachteten Moment wartet, um ihrer Mutter fröhlich und unbeschwert davonzuflitzen. Sontje hat keine Angst davor, alleine zu sein!

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)

Ein Jahr lang, oder besser gesagt vier Jahreszeiten, wurden Sontje und ihre Familie von den Fotografinnen Maria Irl und Charlotte Sattler begleitet. Michaela Hilgner hat mir in unserer E-Mail-Kommunikation verraten, dass ihnen bei den Arbeiten an dem Buch das Wetter einen kleinen Streich gespielt hat. Es wollte für das Winterbild einfach keinen Schnee geben! Im Februar hörten sie dann auf zu warten … wie gut, dass es am Ochsenkopf im Fichtelgebirge Kunstschnee gibt. Dass Sontje so ein Fotoprofi ist, hat sicher auch mit ihrer fotografierfreudigen Mama zu tun, die übrigens auch einen eigenen Blog hat.

Was macht das Buch so unglaublich sympathisch?

Es ist die ausgeprägte Authentizität der Bilder, die einem das Gefühl vermittelt, direkt dabei zu sein. Das Bild der gesamten Familie auf der Treppe; man könnte meinen, dieser netten Bande (die man wirklich sofort ins Herz schließt) grade während eines Ausflugs zufällig begegnet zu sein, als einem dann der Papa vorsichtig auf die Schulter tippt und fragt, ob man mal eben kurz ein Foto von ihnen knipsen könnte. Die Bilder stellen den Moment mit Sontje und ihrer Familie ins Zentrum, ganz lebensnah, echt und mit liebevollem Blick. Jeder Moment erzählt seine eigene Alltagsgeschichte und bietet Kindern eine wunderbare Möglichkeit, sich wiederzuerkennen und Vertrautes zu entdecken und Neues kennenzulernen. Regelmäßige Stunden bei der Physiotherapie oder beim Ohrenarzt gehören ja für viele Kinder nicht zum Alltag …
Eines meiner Lieblingsfotos aus dem Buch: Sontje und das Eis ihres Bruders Kilian; wenn ein Blick einfach mehr sagt, als tausend Worte 😉

© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)
© Deutsches Down-Syndrom Infocenter (Bild vergrößert sich beim Anklicken)

„Einfach Sontje“ ist ein pädagogisch sehr wertvolles Kinderbuch, dass Geschwister, Cousinen und Cousins und allen anderen Kinder das Leben mit dem Down-Syndrom liebevoll näher bringt. Es sollte in keiner Kita- Bücherkiste fehlen!

„Einfach Sontje“ kann Fragen beantworten, Vorurteile aus dem Weg räumen und Verständnis wecken. Deshalb soll das Buch überall, wo Kinder mit Down-Syndrom leben, lernen und spielen, angeschaut und (vor)gelesen werden.“
Cora Halder, Geschäftsführerin Deutsches Down-Syndrom Infocenter im Nachwort

„Einfach Sontje“ kann für 19,90€ beim Down-SyndromInfocenter bestellt werden.

Eigentlich wäre mein Kind nicht auf der Welt

Ich sitze auf einem sauberen Teppich auf dem Boden einer Musikschule, die Beine lang ausgestreckt, die Kleine sitzt in gleicher Position vor mir. Wir sind zum ersten Mal dort. Die Kleine liebt es, wenn ich ihr etwas vorsinge (und das, obwohl ich gar nicht singen kann). Sie liebt Musik und ruhige, sanfte Klänge. Wenn ich ihr ihr Lieblingsstück anmache („One Evening“ von Gonzales) , hält sie inne und hört genau hin, so als würde ihr jemand eine spannende Geschichte erzählen. Dann beginnt sie mit den Beinen und dem Kopf zu wippen vor Freude. Also habe ich einen passenden Kurs gesucht und schließlich einen Platz bekommen. Beinahe wäre daraus nichts geworden, da wir ausgerechnet zu der Uhrzeit einen Kurs angeboten bekamen, zu der sie sonst Physiotherapie hat. Aber dank der tollen Therapeutin haben wir den Termin nun verlegen können. Jetzt habe ich mit der Kleinen vier Termine pro Woche. Einmal gehen wir zur Logopädie, einmal zur Physiotherapie und einmal in der Woche bekommen wir Besuch von einer Heilpädagogin, die Frühförderung mit ihr macht. Und jetzt ist eben noch die Musik hinzugekommen.

Hey Mama – was ist los?

Ich sitze da und singe mit, ein wenig stolz bin ich ja ganz insgeheim, da ich ein paar Lieder schon kenne und so einigermaßen mitsingen kann. Die Leiterin begleitet einige Stücke mit ihrer Gitarre und einige am Klavier. Während wir das Begrüßungslied singen, schweife ich ab. Es ist das erste Mal, dass ich rausgehe aus meiner Schutzzone. Ich treffe zum ersten Mal in einem fremden Haus auf fremde Eltern und fremde Kinder, die keine Behinderung haben. Bisher hatte ich meist nur mit Eltern und Kindern zu tun, mit denen ich befreundet war oder die ich aus dem Geburtsvorbereitungskurs kenne. Oder mit Kindern, die auch Down-Syndrom haben. Ich fühle mich plötzlich etwas schwach, verletzlich, die starke Mama hatte ich da draußen vor der Tür im Regen stehen lassen. Ich hätte mich gern vorgestellt und gesagt, dass die Kleine Down-Syndrom hat. Ich hätte gern das Thema eröffnet, damit alle wissen, dass ich darüber offen spreche und es kein Tabuthema wird. Aber es bot sich keine passende Gelegenheit. Ich genieße es dann, nicht darüber zu sprechen.

Kopfkinomusical 

Gedanken schossen wie Blitze durch meinen Kopf: „Sehen sie ES?“, was denken die anderen „Wie alt sie wohl ist?“, „Hat sie es vorher gewusst?“ Eine Oma ist mit ihrem Enkel dort. Sie lacht die ganze Zeit. Ich sehe ihr fröhliches Gesicht und lese darin „Du Arme, in deiner Haut möchte ich auch nicht stecken.“ Die Oma war eine liebevolle und stolze Oma, die anderen Frauen und die Leiterin hatten einfach Freude mit den Kleinen zu spielen und zu singen. Und ich habe so fiese Gedanken … Es ist meine Angst, die in mir gesprochen hat. Angst, dass Menschen so über mich oder die Kleine denken könnten. Ich stelle fest, ich bin immer wieder dabei, das Laufen zu lernen in der Welt da draußen.

Hey Mama – geht‘s noch !?

Das Blitzen geht ab und zu sogar noch heftiger. Manchmal schießt mir die Frage durch den Kopf: Wie stehen die Menschen hier in der Bahn, im Supermarkt oder im Café wohl zur Pränataldiagnostik? Neun von zehn Frauen, die erfahren, dass ihr ungeborenes Kind eine Trisomie hat, beenden die Schwangerschaft. Ich möchte die Menschen aber nicht verurteilen, ich kenne sie ja gar nicht. Ich möchte die Lebensentscheidungen anderer Frauen respektieren. Es geht hier natürlich überhaupt nicht um die Frauen, denen ich irgendwo auf den Straßen flüchtig begegne. Mir ist (zum Glück) bewusst, dass es Gedanken und Vorstellungen sind, die in diesem Moment einzig und allein in mir stattfinden.

Gibt es einen heimlichen Plan?

Als die Kleine wenige Wochen alt war, las ich zum ersten Mal, dass neun von zehn Schwangerschaften abgebrochen werden, wenn im Rahmen der Vorsorge eine Trisomie erkannt wird. Bis zur Geburt ist das noch möglich. Das hat mich geschockt. Hatte ich einen Trend verpasst? Ich habe soeben ein Kind mit Down-Syndrom auf die Welt gebracht und dann festgestellt, dass an ihrer „Abschaffung“ im Stillen schon lange fleißig gearbeitet wird. Ich kann das bis heute nicht einordnen, nicht verstehen und in meinem tiefsten Inneren nicht einfach hinnehmen. Wie kann es sein, dass die Lebensberechtigung von Menschen aufgrund einer Behinderung pauschal infrage gestellt wird?

Du hast da was auf der Stirn stehen, Mama

Seit einiger Zeit sind verschiedene Bluttests auf dem Markt, die mit nur wenig mütterlichem Blut innerhalb kürzester Zeit eine Aussage über eine mögliche Trisomie treffen können. Inzwischen gibt es sogar einen Test, der bereits nach einer Woche ein Ergebnis verspricht und bereits ab der neunten Schwangerschftswoche eingesetzt werden kann. Die Preise dafür sinken immer weiter. Die Hersteller bieten damit eine einfache Lösung an, eine Trisomie noch innerhalb der ersten drei Monate zu fahnden, zu erkennen, um dann auf Wunsch die Schwangerschaft zu beenden. Die Selbstverständlichkeit, mit der im Rahmen der Schwangerenvorsorge ein Abbruch bei Erkennen einer Trisomie 21 in Erwägung gezogen wird, ist eine Erniedrigung, ein Drama und eigentlich ein Skandal.
Auf meiner Stirn steht geschrieben „Eigentlich wäre mein Kind nicht auf der Welt“, wie grausam meine Gedanken sind. Verzweifelt. Ich finde keinen Einklang mit dieser  Haltung. Ich freue mich sehr, wenn ich sehe, dass es auch anders gehen kann.  Es ist möglich, mit dem Thema bewusster und sensibler umzugehen.

Die Geschichte von der Insel Chromosomien

Mal angenommen, alle Menschen mit Down-Syndrom hätten die Nase voll von dieser Welt. Und sie suchten sich eine Insel, auf der sie in Ruhe leben könnten. Sie hätten ihre eigenen Regeln und Gesetze. Sie bauten Häuser und Straßen nach ihren Vorstellungen und … Irgendwann spräche sich auch auf dem Festland herum, dass die Menschen auf Chromosomien sehr glücklich sind.
Auf dem Festland sind die Menschen gestresst, haben wenig Zeit für Dinge, die ihnen Freude bringen. Sie müssen arbeiten, mehr und immer mehr. Jeder möchte dazugehören und etwas erreichen, sich ein Auto leisten, ein Haus, Schmuck, dem anzusehen ist, das er teuer war, schicke Kleider. Vor lauter Strampeln und Karriereleiternhochklettern geht den Menschen dann irgendwann die Lebenskraft verloren. Sie werden krank, sie sind unglücklich und haben keine Medizin dagegen, nichts will ihnen mehr helfen. Ihre Welt droht schließlich zusammenzubrechen. Dann fällt ihnen diese Insel ein und sie möchten das Geheimnis des Glücks und der Zufriedenheit erkunden. Mit letzter Kraft schwimmen sie hinüber zu der Insel (das ist sehr anstrengend, weil die Insel genau 21 Kilometer vom Festland entfernt liegt) und bieten den Menschen dort sehr viel Geld (das steckte noch in der Sakkotasche) für eine Schulung die Heilung bringen soll. Wie würde es wohl weitergehen ..?