Monat: Februar 2015

Die Krippe oder: Warum die Kleine erst mal zu Hause bleibt

Langsam läuft mir eine Träne die Wange herunter, während ich die E- Mail absende. Ich habe soeben den Krippenplatz für die Kleine abgesagt und meinen beruflichen Einstieg damit weiter verschoben.

Hier in Hamburg regeln es viele Familien so, dass sie ein Jahr Elternzeit nehmen und die Mamas dann wieder in den Job einsteigen. Spätestens. Die Kinder werden mit etwa 11 Monaten eingewöhnt, damit der Job dann rechtzeitig zum Ende der Elternzeit wieder aufgenommen werden kann. Der Papa und ich hatten es ähnlich geplant, die Kleine sollte diesen Sommer, mit eineinhalb Jahren eingewöhnt werden.

Krippe: ja oder nein?

So eine Entscheidung zu fällen und das Abwägen der Vor- und Nachteile kann ganz schön viel Energie und Zeit beanspruchen. Schließlich bin ich ja nicht nur die Mama. Ich habe einen Beruf, Ehrgeiz und möchte ein eigenes Einkommen verdienen. Doch plötzlich, in den letzen Wochen kollidieren all meine Ansprüche miteinander. Mein Bild von der erfolgreichen und unabhängigen, emanzipierten Frau einerseits und der versorgenden, liebevollen Mama andererseits schienen sich wie Rivalinnen gegenüber zu stehen.

Was die Kleine betrifft, so leitet mich die Frage „Was ist für sie das Beste?“, welche Form von Betreuung tut ihr gut, welche Begegnungen und Beziehungen nähren sie. Und gleichzeitig habe ich den Wunsch, eine unabhängige Frau zu sein, die irgendwie alles unter einen Hut bekommt. Ich spürte eine latente Verbitterung in mir, eine Enttäuschung, dass ich das alles nicht so schaffe wie geplant. Mein Bild war strikt und engte mich ein, mir war schnell klar, dass es so nicht weitergeht.

Also habe ich dann beschlossen, mein Bild zu ändern. Mein Herz hat die Frage mit der Krippe ja schon lange beantwortet. Ich konnte aber nichts entscheiden, da meiner Herzensentscheidung dieses Bild der toughen, erfolgreichen und emanzipierten Frau gegenüberstand. In meiner Vorstellung musste ich dieses aufgeben, wenn ich meine Elternzeit weiter verlängern würde.

Und jetzt?

Ich entspanne mich jetzt und stelle diese beiden Bilder einfach nicht mehr konkurrierend gegenüber. Ich gehe jetzt in den kommenden Monaten nicht arbeiten, wie eigentlich geplant. Meine beruflichen Interessen stelle ich somit bewusst zurück für einige Zeit. Ich genieße es und freue mich auf eine intensive Zeit mit der Kleinen. Es ist wichtig gewesen und eine Erleichterung, sich von diesem starren Gedankenmodell zu lösen und zu denken, ich könne all meine Ziele gleichzeitig in einer guten Qualität leisten.

Inklusion: Den Menschen sehen, nicht die Behinderung

Die Entscheidung, die Kleine noch nicht in eine Krippe zu geben, ist auch davon beeinflusst, dass ich die personelle Besetzung nicht ausreichend finde. In den Krippen in Hamburg ist es nicht ungewöhnlich, dass 15 Krippenkinder von 2 Erzieherinnen betreut werden. Trotz der erfolgreichen Proteste ist das noch ein Modell, das keine Seltenheit ist. Allerdings soll in den kommenden Jahren der Personalschlüssel deutlich verbessert werden.

Ich bin der Meinung, dass die engagierteste und herzlichste Erzieherin an ihre Grenzen kommt, bei den hohen Anforderungen die eine zu große Gruppe Kleinkinder stellt. In Hamburg haben alle Kinder einen Rechtsanspruch auf eine Betreuung ab dem ersten Lebensjahr. In der Praxis ist es aber längst nicht so, dass alle Krippen Kinder mit Behinderung aufnehmen! Es gibt darüber hinaus die Möglichkeit, zusätzliche Personalstunden zu beantragen. Das geht ab dann, wenn das Kind in der Krippe ist. Eine Mutter hat mir erzählt, dass sie sechs Stunden pro Woche dazubekommen haben bei einem Kleinkind mit Down-Syndrom. Mehr Erfahrungswerte habe ich bisher dazu nicht sammeln können, da diese Möglichkeit noch recht neu und unbekannt ist. In meinem Text „Verzeihung, wo gehts denn hier nach Inklusionien“  habe ich ja von meinen Erfahrungen bei der Suche nach einer Krippe berichtet.

Und Inklusion bedeutet nicht nur, ein Kind mit einer Behinderung aufzunehmen. Inklusion beutetet, ein Kind – jedes Kind – völlig losgelöst von Merkmalen wie Behinderung zu begleiten. Der inklusive Blick entwickelt Strukturen ausgehend von den Talenten und Fähigkeiten eines Kindes. Das bedeutet aber auch, dass Inklusion nicht damit erreicht ist, wenn man bloß die Türen einer Kita öffnet. Die Kleine hat eine Behinderung, aus der sich für sie besondere Lernbedingungen ergeben, und ich wünsche mir, dass diese berücksichtigt werden können.

Und so ganz abgesehen von Inklusion, von Betreuungsschlüsseln und von Karrierewünschen: Ich freue mich jetzt einfach sehr, dass wir uns so entschieden haben und blicke mit einem guten Gefühl auf die neu gewonnene Zeit mit der Kleinen :-)

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Und heute sage ich: Zum Glück ist alles anders!

Ich sitze auf einem roten Teppich in der Spielecke eines Cafés und schaue der Kleinen zu, die konzentriert eine Kiste mit Holzspielzeug ausräumt. Eben waren wir noch im Krankenhaus. Ihr kleiner Freund ist dort wegen eines Eingriffs am Herzen. Und so bin ich mit der Kleinen ein paar Stationen mit der Bahn gefahren und zehn Minuten gelaufen, um dort ein kleines Geschenk von unserer Gruppe zu hinterlegen. Die Mama von dem Kleinen habe ich kennengelernt, als die Kleine drei Wochen alt war. Wir sind zusammen mit zwei anderen Frauen so eine Art Mamaspezialgruppe. Jede von uns ist Mama eines kleinen Kindes mit Down-Syndrom, wir kennen uns von der Babygruppe von KIDS Hamburg. Über WhatsApp teilen wir seitdem die kleinen und großen Dinge des Lebens miteinander, und zwar zu jeder Uhrzeit, wenn es sein muss. Wer also in Hamburg unterwegs ist und eine Mama mit einem Kleinkind mit Down-Syndrom sieht, deren Handy im Sekundentakt vibriert, dann ist das mit Sicherheit eine von uns.

Der Gang über das Krankenhausgelände war ein Spaziergang ins Zentrum meines Herzens. Vor genau 15 Monaten habe ich dort die Kleine auf die Welt gebracht. Das war an einem frühen Sonntagabend und so ungefähr kurz nach Ende des „Tatorts“ sind wir auch schon wieder heimgefahren; mit der wunderschönen, neugeborenen Kleinen. Und dem Verdacht auf Down-Syndrom. Ich sehe noch vor mir, wie die Hebamme uns zum Auto begleitet hat und wie der Papa zu nervös war, um die Babyschale zu befestigen. Ich weiß noch, wie wir dann mit dem Auto vor der Schranke standen und diese nicht aufging, weil irgendwas mit unserer Parkkarte nicht stimmte. Ich weiß noch, wie der Papa dann während der Fahrt immer wieder sagte: „Was das Leben so für einen bereithält …?!“ Und wieder, fassungslos:  „Was das Leben so für einen bereithält …?!“ Ich wollte das gar nicht hören, ich wollte eigentlich nur, dass wir uns freuen. Jetzt wo sie doch da ist! Jetzt, wo wir doch sogar nur vier Stunden nach der Geburt nach Hause fahren dürfen, weil alles so gut gelaufen ist!

An diesem wechselhaften, kalten Tag aber, an dem sich immer wieder die Sonne erfolgreich hinter den Wolken hervorschiebt, da spaziere ich mit der Kleinen im Kinderwagen einfach an dieser Schranke vorbei. Dann an dieser Stelle am Ausgang, wo wir das Auto geparkt hatten. Da stehen einige Männer und Frauen von einer Firma für Krankentransporte in weiß-rot-gelber Arbeitskleidung um einen Stehtisch. Sie rauchen und unterhalten sich ganz angeregt. Wie sie da stehen, an ihren Zigaretten ziehen und ins Gespräch vertieft sind. Das wirkt so vertraut, so alltäglich. Ob ich da wohl jetzt hingehe und ihnen sage, dass das hier ein besonderer Ort für mich ist, mit wichtigen Erinnerungen?! Die können doch da nicht so lässig stehen und rauchen! Mein Blick wandert dann links an ihnen vorbei und ich entdecke einen Würstchenstand, der die Banalität der Raucherrunde schlagartig übertrifft. Was auf dieser Welt wirkt alltäglicher als eine Würstchenbude? Was drückt mehr Kontrast aus als eine Würstchenbude neben diesen Hallen, die so voll sind mit Menschen, die um ihr Leben oder das ihrer Liebsten bangen müssen?

Das Kinderkrankenhaus erinnert an diese alten Bilder, die man aus Filmen oder Büchern kennt. Es ist zu erkennen, dass man mit Mobiles und bunten Fensterbildern versucht hat, dieser Anstalt etwas Menschlichkeit zu verleihen. Das ist aber nicht gelungen. Einzig der Versuch ist sichtbar und das ehrt die Menschen, die dort arbeiten, nicht aber den Architekten oder die Planer vergangener Zeiten. Ich stelle mich am Tresen an, eine Mutter mit ihrem Baby ist vor mir dran. Dann  erklärt mir die nette Frau, wie ich zu der richtigen Station gehen muss, damit ich das Geschenk direkt dort abgeben kann. Der Kinderwagen steht schon einen kleinen Moment, zu lange findet die Kleine und beschwert sich, ich nehme sie auf den Arm. Eine aufmerksame Mutter hält mir die Tür auf, ich gehe mit der Kleinen einen langen Gang entlang, an einem in die Jahre gekommenem Gitterbett aus Metall vorbei, dessen sonnengelbe Farbe abzublättern scheint (zumindest in meiner Erinnerung). Im Flur ragt über einer Tür ein Schild hervor, auf dem „Anmeldung“ steht. Das hätte auch das Schild im Büro eines Kleingartenvereins sein können. Ich bleibe stehen und mein Blick fällt in einen schmalen Raum, der vom Boden bis zur Decke mit Akten gefüllt ist. Eine Frau sitzt an einem Schreibtisch und ich spreche sie vorsichtig an. Sie kommt zu mir und begrüßt auch die Kleine ganz lieb und fragt sich nach ihrem Namen.

Ich gebe ihr das Geschenk und sage, dass ich die kleine Familie nicht stören möchte. Das ist mir wichtig, weil ich mich nicht aufdrängen möchte. Sie bringt das Geschenk sofort hinein. Ich drehe mich um und möchte gehen, als die Tür hinter mir aufgeht und die Mama von dem Kleinen auf mich zukommt. Die Tränen laufen ihr die Wange hinunter. Die Ärzte führen genau in dem Moment den Eingriff am Herz ihres Sohnes durch. Die Sorge um ihren Kleinen lässt sie nicht nur ernst, nicht nur traurig und besorgt aussehen. Vielmehr ist die Liebe zu ihrem Kind nicht zu übersehen und lässt sie strahlen und wunderschön aussehen. Als ich auf dem Rückweg mit dem Papa unserer Kleinen telefoniere und ihm auch von dem Krankenhausbesuch erzähle, meint er: „Na, dann konntest du ihr doch sicher Mut zusprechen, oder!?“ Das wollte ich, ja. Doch ich war in dem Moment selbst so ergriffen und weiß ich gar nicht, ob mir das geglückt ist. Dann gehe ich einen anderen Weg zurück und sehe, dass es unweit der Würstchenbude sogar einen Drogeriemarkt und auch einen Bäcker gibt. Ein richtiges Dorf ist das hier, das war mir nicht aufgefallen an diesem Abend vor 15 Monaten. Aber da war es ja auch schon dunkel draußen.

Es ist ein kühler Tag in Hamburg. Im Café ist es warm und aus den Boxen säuselt Musik von Birdy, dann Ed Sheeran, Stefan Salvat und Adele und verleiht der Stimmung eine sentimentale Note. Um mich herum klappert Geschirr, Gläser klirren, die Kaffeemaschine dampft laut. Einige Gäste unterhalten sich, ein Mann ist in seine Zeitung vertieft, eine Gruppe von jungen Mädchen sitzt um einen Tisch und bearbeitet Zettel. Ich genieße die Zeit mit der Kleinen. Ich bin so glücklich zu sehen, wie gut es ihr geht. Sie ist zufrieden und fröhlich. Wie wertvoll dieser Moment ist … Wie toll sie sich in den letzten Monaten entwickelt hat und uns wirklich jeden Tag wieder überrascht. Seit der Geburt mussten wir kein Krankenhaus mehr von innen sehen. Die Kleine hatte ein einziges Mal Fieber bislang. Sie fing schon sehr früh an, sich alleine umzudrehen. Im Herbst hat sie sich zum ersten Mal alleine hingesetzt. Jetzt krabbelt sie seit einigen Wochen wie eine Weltmeisterin und übt, sich hochzuziehen. Dafür setzt sie noch viel Kraft ein, aber ihre Neugier treibt sie immer wieder an, weiterzukommen und etwas Neues zu lernen. Sie ist immer zufrieden (fast … außer ich fische ihr etwas aus dem Mund, was sie irgendwo vom Boden aufgesammelt hat). Die Kleine ist ausgesprochen lustig und fröhlich und deshalb bin ich es auch. Denn genau diese Zufriedenheit, die sie ausstrahlt, strahlt auch zurück, das ist eine ihrer wundervollen Fähigkeiten!

Und heute sage ich: Uum Glück ist alles anders, anders normal !

„The Punk Syndrome“ auf dem Weg zum ESC

Heute wird’s mal musikalisch. Die finnische Punkband Pertti Kurikka Nimipäivät (PKN), über die ich vor ein paar Tagen zum ersten Mal etwas gelesen habe, muss ich euch einfach vorstellen!

Punk: Das ist der Soundtrack einer Jugendbewegung der 70er und 80er Jahre. Punk ist Rebellion und Protest. Punk, das ist ein Iro auf dem Kopf und ein Bier in der Hand, die Ratte auf der Schulter und Nieten und Aufnäher – überall da, wo sie halten! Punk zu sein heißt, auf Konventionen zu pfeifen, einfach sein Ding zu machen und zu provozieren, all jene, die sich provozieren lassen.

PKN auf dem Weg nach Wien

Pertti Kurikka Nimipäivät (PKN) ist einer von 15 Teilnehmern, die in diesem Jahr für den ESC-Vorentscheid in Finnland antreten. Aber PKN ist nicht irgendeine Band! Bereits jetzt bekommen sie reichlich mediale Aufmerksamkeit und das mag wohl auch daran liegen, dass die Künstler nicht nur Punks sind, sondern dass drei der Musiker das Down-Syndrom haben, einer ist Autist. Die erste Runde des finnischen Vorentscheids haben die vier Musiker am 7. Februar geschafft und nun heißt es: alle Daumen drücken für das Finale des Uuden Musiikin Kilpailu 2015. Ich könnte ja wetten, dass sich PKN für den ESC in Wien qualifizierenden wird!

Pertti Kurikan Nimipäivä, © YLE/Anton Sucksdorff, Quelle:http://songcontest.orf.at/stories/2692712

Darf ich vorstellen: PKN

Der Gitarrist Pertti Kurikka schrieb den ersten Song der Band an seinem Namenstag im Gründungsjahr 2010, daher der Bandname; denn Nimipäivät beutetet nichts anderes als Namenstag. Frontman von PKN ist Kari Aalto, am Bass steht Sam Helle und Toni Välitalo ist der Schlagzeuger. „Die Mitglieder unserer Band sind vier Männer mittleren Alters, die alle geistig behindert sind, beschreibt Bassist Sam Helle seine Band. Musikalisch ist ihre Musik von finnischen Punkbands der Jahrtausendwende beeinflusst und handelt inhaltlich von sozialen Problemen ebenso wie von Fußpflege.

Ein Ziel der Musiker ist: ein Millionepublikum zu motivieren, sich besser über das Down-Syndrom zu informieren. Das Motto des in diesem Jahr zum 60sten mal stattfindenden ESC lautet übrigens „Building Bridges“. Antreten wird PKN mit dem Song „Aina mun pitää“, was übersetzt so viel heißt wie „Ich muss immer“.

Tournee und Dokufilm „The Punk Syndrome“

Nach der Gründung der Band folgten Tourneen durch Norwegen und Deutschland. Die finnischen Filmemacher Jukka Kärkkäinnen und Jank Peters Passi porträtierten die Band 2012 in der Dokumentation „The Punk Syndrome“. Der Film erhielt 2012 beim „Tampere International Short Film Festival“ den Zuschauerpreis.

Subversiv: Warum PKN weiterkommen muss!

Menschen mit Down-Syndrom müssen in der Gesellschaft grundsätzlich für Akzeptanz kämpfen: vor allem auch um ihr Daseinsrecht! Akzeptanz kann man auf verschiedensten Wegen erlangen. Etwa indem man etwas schafft oder leistet, was den gesellschaftlichen Erwartungen von Normalität und Leistung entspricht. Im Gegensatz zu Punk wirkt ein an Leistung orientiertes Bestreben eher brav und angepasst. Kürzlich gingen im Netz die Bilder eines zweijähriges Mädchens um, die für die amerikanische Kette „Target modelt. Oder vor wenigen Tagen habe ich von Jamie Brewer gelesen, die in New York auf der Fashion Week als erstes Model mit Down-Syndrom mitläuft. Ich finde das ist sehr wichtig und großartig! Menschen mit Down-Syndrom haben zahlreiche Fähigkeiten und Talente, genau wie alle anderen Menschen auch. Und je mehr darüber berichtet wird, je mehr das alles in den Medien gezeigt wird, um so mehr kommt es auch bei den Menschen an.

Punk hat darüber hinaus eine ganz spezielle Aussage, die ich auch sehr wichtig finde. Mir tut manchmal dieses Ringen um Akzeptanz, wenn es in eine Richtung geht wie „Sie (die Menschen mit DS) können auch …!“ irgendwie weh. Weil ich mir wünschte, dass genau das, dieses Ringen, dieses Bitten um Akzeptanz durch Konformität gar nicht mehr nötig wäre. Einfach weil jeder Mensch einzigartig ist! Und Punk hat in der Hinsicht wirklich was zu bieten, denn Punk ist ein trotziger, selbstbewusster Gegenpol zum Normalitätsstreben. So gesehen mag ich Punk sehr!

 

 

Schön, dass du da bist, kleiner Leo!

Die Geschichte vom kleinen Leo Forrest berührt viele Menschen. Leo kam am 21. Januar in Armenien mit dem Down-Syndrom zur Welt. Laut Medienberichten hat die Mutter ihn nach der Geburt nicht annehmen können. Sie hat nach Angaben des Vaters, Samuel Forrest, ihn vor die Wahl gestellt: entweder das Kind oder ich. Der Vater hat sich für das Kind entschieden und die Mutter reichte kurze Zeit später die Scheidung ein. Samuel Forrest hat daraufhin eine Crowdfunding-Kampagne gestartet und bittet um finanzielle Unterstützung, um mit seinem Sohn zurück in seine Heimat nach Neuseeland zu gehen. Die ersten Reaktionen im Netz sind „Diese Mutter hat das besondere Baby nicht verdient!“, „Ich verachte solche Menschen“ oder „toller Papa“. Es brennt mir unter den Nägeln, etwas dazu zu schreiben. Natürlich kenne ich die Familie nicht. Von der Mutter weiß man nicht viel. Und doch weiß ich zum Teil mehr, als ich möchte. Geht uns der Name der Mutter wirklich etwas an?! Offiziell hat sie bisher gegenüber ABC-News bestätigt, dass sie die Mutter von Leo ist und dass sie die Scheidung eingereicht habe, mehr noch nicht. Mir gehen viele Gedanken dazu durch den Kopf, die ich heute gerne mit euch teilen möchte …

Erst vor kurzem übrigens habe ich von einer Mutter hier in Deutschland gehört, die ihr Kind mit Down-Syndrom nicht annehmen kann. Danach habe ich mir viele Gedanken darüber gemacht, wie wichtig es ist, ein Baby mit einer Behinderung willkommen zu heißen und die Mutter und den Vater gut zu unterstützen. Ich weiß auch von Müttern, die von ihren Männern nach der Geburt eines behinderten Kindes verlassen wurden und nun alleinerziehend sind. Ich habe auch von einer Familie gehört, die das Down-Syndrom in der Verwandtschaft lange verheimlicht hat, weil in der Familie die Behinderung des Kindes als Schuld der Mutter gesehen wird.

Schock – die erste Zeit ist kein Spaziergang!

Als die Kleine auf die Welt kam, war alles wunderschön, sie lag nackt und zerknautscht auf meinem Bauch. Wenige Minuten später wurde der Verdacht auf das Down-Syndrom noch im Kreisaal ausgesprochen. All die blumigen Bilder von dem rosigen Baby, das man glaubte in den Armen zu halten, zerbrachen von einer Sekunde auf die nächste, stattdessen sucht man nur noch Merkmale. Der Papa und ich standen in diesem Moment unter Schock. Und ich habe bisher noch keine Familie getroffen, die die Diagnose nicht aus der Bahn geworfen hat. Die einen sind mehr geschockt, die anderen weniger. Aber das ist ein Ausnahmezustand und das kann Tage, Wochen, Monate dauern. Je nach Persönlichkeit und je nachdem, wie auch das Umfeld reagiert und unterstützt. Und es heißt auch nicht, dass man in dieser Zeit sein Kind nicht liebt. Ich habe die Kleine nicht losgelassen, ewig nicht, ich wollte sie beschützen, ihr zeigen, dass ich sie nicht alleine lasse. Dieser Moment hatte für mich trotz all seiner Wucht seine ganz eigene Schönheit.
Hat man der Mutter und dem Vater von Leo diese Zeit gegeben? Scheinbar nicht! Würde ich die Mama von Leo kennen, ich würde ihr so gerne sagen, dass sie sich Zeit lassen und keine Entscheidung in diesem Ausnahmezustand treffen soll. Leo ist nicht mal drei Wochen alt, es ist alles noch sehr frisch!

Diagnosevermittlung

Wütend macht mich, wie den Berichten zufolge die Diagnose von den Ärzten übermittelt wurde!
Eine Frau, die soeben ein Kind auf die Welt gebracht hat, ist körperlich erschöpft und emotional extrem durchlässig. Umso wichtiger ist es, dass sie Zeit hat mit ihrem Baby. Dass sie es in den Arm nehmen kann, riechen, streicheln, küssen, einfach ansehen kann zusammen mit dem Vater. Die Ärzte und Hebammen haben in dem sensiblen und intimen Moment eine hohe Verantwortung, mit den Eltern und dem Baby angemessen umzugehen. Einerseits darf der Verdacht auf eine Behinderung nicht verheimlicht oder zurückgehalten werden, andererseits haben sie einen großen Einfluss allein durch die Sprache, die Wortwahl, den Klang in der Stimme. Es ist ganz entscheidend, wie sie über das Baby reden und dass sie den Eltern zu dem Kind gratulieren. Genauso wichtig ist es, wie sie das Kind untersuchen, wie sie es dabei anfassen. Das alles muss mit Respekt und Würde passieren, damit es der Mutter und dem Vater möglich ist, das Kind anzunehmen, damit sich das Baby willkommen fühlt.

Das Umfeld ist wichtig

Bei uns war die ganze Familie erst mal durch den Wind. Eigentlich sind fast alle, die einen kennen, in einer gewissen Weise betroffen. Am Anfang zumindest und das legt sich bei den meisten recht schnell, je mehr man sich auf das Baby einlässt. Jeder musste sich erst mal an den Gedanken gewöhnen, dass die Kleine das Down-Syndrom hat. Wir haben in dieser Zeit von unserer Familie und Freunden großartige Unterstützung bekommen und das kompromisslose Signal, dass die Kleine willkommen ist, so wie sie ist. Das ist enorm wichtig und prägt diese wichtige Zeit ganz massiv. Wir wissen nicht, wie das bei der Familie von Leo ist! Hier überwiegt offensichtlich eine ablehnende Haltung dem Kind gegenüber. Die Frage muss darüber hinaus auch lauten, wie kann man ein gesellschaftliches Umfeld schaffen, in dem ein behindertes Kind willkommen ist und eine Mutter nicht fürchten muss, dafür möglicherweise von ihrer Familie oder der Gesellschaft, in der sie lebt, geächtet zu werden?

Ich wünsche Leo und seinem Vater viel Kraft in dieser schwierigen Zeit!

Schön, dass du da bist, kleiner Leo!

 

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