Monat: April 2015

Integration: Oder über ein miefiges Paar Socken

Ich sitze auf dem Sofa im Ferienapartment, halte mein Handy in den Händen und lese meine Nachrichten. Wir sind für eine Woche in Spanien. Vor der Abreise, noch in Hamburg, hatte ich eine E-Mail an einen Kindergarten in unserer Nähe geschrieben und habe soeben die Antwort erhalten:

„Sehr verehrte Familie …,
herzlichen Dank für die Anmeldung ihrer Tochter.
Ich muss sie an unsere Kollegen vom … verweisen, denn dort gibt es eine integrative Kindergartengruppe.“

Mit freundlichen Grüßen

Ich frage mich dann, was mich dazu gebracht hat, dass ich dort überhaupt eine E-Mail hingeschrieben habe. Warum habe ich das erforderliche Anmeldeformular ausgefüllt und meinen Beruf, den des Papas und unsere persönlichen Daten preisgeben, um dann so einen einfachen, schmallippigen Satz als Antwort zu erhalten?! Vielleicht, weil ich irgendwo gehört hatte, dass dieser Kindergarten auch Kinder mit einer Behinderung aufnimmt. Weil ich gehört hatte, dass er gut sein soll. Weil ich dachte, dass ein Waldorfkindergarten einen anderen Ansatz hat. Und auch, weil er in unserer Nähe ist. Ich telefonierte ja sogar noch mit einer Mitarbeiterin, die mir das bestätigte. Dann aber kam doch diese E-Mail … offensichtlich ein Missverständnis?

„Das gibt´s doch nicht …!“

Ich ziehe meine Stirn in Falten. Diese Nachricht ärgert mich. Auf der Homepage steht, dass die Kinder in ihrer Entwicklung dort gestärkt werden. Jeder weitere Satz, den ich zuvor auf der Homepage über Geborgenheit, Sicherheit, der Kita als zweites emotionales Zuhause, gelesen hatte, empfinde ich in dem Moment als Heuchelei. Vielleicht, weil es mich getroffen hat, weil mich diese Reaktion auch traurig macht. Wir leben mitten in der Stadt, mitten in Hamburg und ich kann und will es nicht begreifen, dass wir an einer so wichtigen Stelle noch so unterentwickelt sind. Steht da nicht genau das beschrieben, was ich mir für die Kleine wünsche? Einen Ort der Geborgenheit, der Sicherheit?! Und Menschen, die sie liebevoll begleiten und sie in ihrer Entwicklung stärken?! Warum gilt das nicht für mein Kind?!

Wir leben offensichtlich nach wie vor in einem System, indem Menschen, noch bevor sie ihren ersten Geburtstag erlebt haben, in Bahnen steuert und bestimmt, wo ein Kind zu sein hat und vor allem wo nicht. Und das betrifft unter anderem und in ganz besonderer Weise Kindern mit einer Behinderung. Es ist dringend an der Zeit, aufzuhören sich weiter an dem Modell der Integration festzuhalten. Die Idee der Integration ist längst überholt, von gestern und mieft nach ein paar alten, vergessenen Socken aus den 70er Jahren!

Wer ist verantwortlich dafür, Inklusion umzusetzen?

Über die frühe Laufbahn eines Kindes zu bestimmen und das Handeln der Beteiligten ist – so beobachte ich es – oftmals geleitet aus Gewohnheit, aus Tradition, Unwissen, Unsicherheit und der Befürchtung, etwas falsch zu machen.…oder vielleicht auch hier und da etwas Bequemlichkeit? In den öffentlichen Diskussionen findet die Inklusion in den Krippen und Kitas noch recht wenig Beachtung. Doch: Es gibt keinen Grund dafür, dass Kindergärten mit Inklusion beliebig umgehen. Inklusion kann kein einrichtungsspezifisches Profil sein, wie sich ein Kindergarten zum Beispiel „Musikkindergarten“, „Kunstkita“ oder „Waldkindergraten“ nennt. Es kann nicht sein, dass die eine Kita Inklusion „macht“ und die Kita zwei Häuser weiter nicht, denn das ist praktizierte Integration. Inklusion kennt keine Nischen, keine Sonderwege, keine „Regelkindergärten“ und sortiert Kinder nicht nach Merkmalen wie zum Beispiel einer Behinderung.

Mit „so etwas“ haben wir noch keine Erfahrung
Gestern habe ich einen anderen Kindergarten in unserer Nähe angerufen. Während eines Spaziergangs sah ich die Kinder auf dem schönen Außengelände, sie wirkten sehr fröhlich und ausgelassen, das gefiel mir. Die Kitaleiterin war wirklich eine liebe Frau und sehr bemüht. Sie sagte dann, dass sie „mit so etwas“ noch keine Erfahrungen haben und sie erst mal ihr Team fragen müsse, ob die es sich zutrauen, ein Kind mit DS zu nehmen. Es ist also, genau wie hier, in vielen Fällen schon Bewegung und auch eine zaghafte Offenheit zu erkennen, aber eben auch eine große Unsicherheit. Deutlich jedoch wird hier vor allem eins: Der Förderbedarf in der Umsetzung von Inklusion liegt nicht bei den Kindern! Oft denke ich, die Kindergärten brauchen konstruktive, wohlwollende und professionell strukturierte Hilfe und Unterstützung in diesem Veränderungsprozess. Keine Kita muss sich klein machen, aber es ist wichtig, nach vorne zu schauen, sich auch praktisch auf den Weg zu machen und mutig zu sein.

Kleine Blüten: positive Beispiele der Inklusion

Heute habe ich mit der Kleinen in einem Kinderladen hospitiert. Der Papa hat zufällig auf dem Weg zu einem Termin einen Zettel im Fenster entdeckt, dass dort Kinder gesucht werden diesen Sommer. Da dieser Kinderladen aber nicht in unserem Stadtteil liegt, bin ich bisher noch nicht auf ihn aufmerksam geworden. In diesem Kinderladen gehen von 16 Kindern zwei Kinder, die eine Behinderung haben. Ich bin wirklich sehr beeindruckt davon, wie es auch laufen kann und wie selbstverständlich es sein kann, Kinder mit einer Behinderung aufzunehmen. Da es sich hier um einen Zusammenschluss von Tagesmüttern/Vätern handelt, bekommen sie dafür keinen Cent mehr! Sie machen das aus Überzeugung. Die Kleine hat sich so wohl gefühlt. Ich habe nicht schlecht gestaunt, als sie einem dreijährigen Jungen das Spielzeug wegnahm, woraufhin der Junge in Tränen ausbrach. Eigentlich hatte ich es andersherum erwartet. Ich merke, dass die Kleine in den letzten Wochen ganz schön forsch geworden ist, sie ist ein richtig kleines Kita-Kind geworden, von Schüchternheit keine Spur.

Was ich mir wünsche

Ich wünsche mir das eindeutige, menschliche Signal, dass mein Kind willkommen ist, genau so wie andere Kinder auch. Ich weiß, dass viele Kindergärten jahrelang ausschließlich Kinder ohne eine Behinderung aufgenommen haben und nun viele in unterschiedlichem Tempo beginnen, ihre Türen zu öffnen. In zahlreichen Fällen ist diese Offenheit wirklich spürbar und das ist sehr schön und gibt Hoffnung. Ich verstehe es, wenn eine Kita signalisiert, ja, wir wollen, aber wir sind jetzt noch nicht sie weit. Doch ohne ein Signal in diese Richtung, einfach mit einem Satz abzusagen und die Türen bewusst geschlossen halten, dass ist zu einfach. Ausgrenzung ist Ausgrenzung, auch wenn sie ungewollt ist und freundlich formuliert wird.

Und: Natürlich sollte es selbstverständlich sein, dass die Erzieherinnen und Erzieher für ihre anspruchsvolle Arbeit gut bezahlt werden und Zeit erhalten, sich weiterzubilden. Ich finde es wichtig, dass zum Beispiel aktuell hier in Hamburg, viele auf die Straße gehen und für ihre Arbeit einstehen!

„Schön, dass du da bist!“: Die wichtigsten Worte, wenn ein Baby mit Down-Sydrom geboren wird

Good job!“, ein Sicherheitsbeamter am JFK Airport in New York winkt mich mit einem charmanten Lächeln in Richtung Babybauch durch die Sicherheitskontrolle. Wir reisen zurück nach Hamburg.

Als die Kleine nun vor fast 17 Monaten mit dem Down-Syndrom auf die Welt gekommen ist, dachte ich ab und zu an diesen Moment und daran, dass nach der Geburt niemand schulterklopfend sagte „Hey, gut gemacht!“ oder „Good job“.

Diese Zeit nach einer Geburt ist meist von einem einzigartigen Zauber umhüllt. Das ist eine Zeit, in der man als Eltern nicht so ganz auf dieser Welt lebt, eher irgendwo zwischen Himmel und Erde. Eine Zeit, in der die Uhren anders gehen, in der für ein paar Tage die Zeit stillzustehen scheint und sich alles, aber auch alles um das winzige, neugeborene Wesen dreht, das einem da in die Arme gefallen ist.

Die Geburt verlief sehr gut, wir konnten das Krankenhaus wie gewünscht nach wenigen Stunden wieder verlassen. Aber wie schreiben wir das alles jetzt den Freunden, der Familie? Da war ja nicht nur dieses supersüße kleine Baby, wir haben ja auch diesen Verdacht mit nach Hause genommen. Und die Große wartete ganz sehnsüchtig und ungeduldig auf einen Anruf von uns. Sie kommt noch am gleichen Abend und begrüßt die Kleine liebevoll. „Die sieht aus wie ein Kind, das Down-Syndrom hat“, sagt sie und ich schlucke nur. Ich sehe das gar nicht und will es auch nicht wahr haben, für mich ist sie wunderschön, ein wunderschönes Baby.

Wie sagen wir „es“

Als Erstes haben wir alle Freunde über WhatsApp informiert, dass die Kleine da ist und dass es uns allen gut geht. Als sich dann der Verdacht bestätigt hatte, schrieben wir an alle Freunde eine persönliche E-Mail oder telefonierten. Vor der Geburt habe ich mir ausgemalt, wie ich die Karten zur Geburt der Kleinen gestalten möchte. Ich wollte gerne ganz klassische Karten, in die wir ein Foto einlegen. Den Text habe ich mir vorher nicht überlegt, weil ich einfach schauen wollte, was zu ihr passt. Mir ist diese klassische Karte, die dann per Post ins Haus gebracht wird, ganz wichtig. Vielleicht, weil es selten ist, sich Karten per Post zu schicken, dadurch bekommt sie auch eine besondere Bedeutung. Wir haben das übrigens auch alles so gemacht, nur eben ein bisschen später …

Warum Glückwünsche so wichtig sind

Glückwünsche zu erhalten, ist sehr wichtig. Ehrliche Glückwünsche, die sich an die Eltern richten und auch aussagen, dass sie einen „good job“ gemacht haben, die sie in ihrer Freude bestärken. Wir haben viele sehr schöne Glückwünsche erhalten und alle Karten gesammelt. Eine davon macht Musik, wenn man sie aufklappt. Letzte Woche hat die Kleine diese Karte in der Schublade entdeckt und liebt es seitdem, diese auf- und zuzuklappen. Ich bin sicher, dass jeder Gruß irgendwo abgespeichert wird und man auch Tage, Wochen sogar Monate später noch diese bedeutungsvollen Worte und Gesten abrufen kann. Vor ein paar Tagen gingen mir die Worte meines Bruders durch den Kopf, als ich die Kleine ansah. Mein Bruder schrieb mir, als der Verdacht bestätigt war, über WhatsApp: „Sie bleibt ne Süße!“ Und ich dachte nur, wie recht er hatte.

Ganz besonders wichtig sind die Glückwünsche, die sich an das Kind richten. Lasst uns jeden kleinen Menschen willkommen heißen! Und dies sind die wichtigsten fünf Worte dafür: „Schön, dass du da bist!“

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