Monat: Oktober 2015

Haben andere es leichter?

Ich wache mitten in der Nacht auf, kann nicht mehr einschlafen. Mir fällt plötzlich ein, dass wir noch einen Fußsack für den Autositz benötigen oder etwas anderes, was das Baby auf dem Weg vom Krankenhaus nach Hause warm hält. Unser Baby kommt ja im Winter auf die Welt und soll es kuschelig haben, sich geborgen fühlen. Ob wir genug Kleidung haben, genug warme Bodys? Ich wälze mich hin und her, stehe schließlich auf. Ich schalte den Fernseher ein, Charlotte Roche sitzt auf dem „blauen Sofa“ der Frankfurter Buchmesse und spricht über ihren neuen Roman „Mädchen für alles“ und darüber, dass sie gern am Müttermythos kratzt. Die Hauptfigur in ihrem Roman bereut es fast, Mutter geworden zu sein. Ich liebe es, Mutter zu sein, meine Kinder machen mich sehr glücklich, so bewegt und inspiriert mich das auch in gewisser Weise, was sie zu dem Thema zu sagen hat. Glaub‘, ich möchte es doch gern lesen. Nebenbei suche ich bei Ebay-Kleinanzeigen nach einem Fußsack, schreibe „Anna“ an, es ist 3:38Uhr. Dann bestelle ich noch einen Strampler aus Wollfleece, der wird warm sein, weich genug für die erste Reise nach Hause nach der Ankunft des kleinen Menschen auf dieser Welt, und gehe wieder ins Bett.

Der nächste Morgen

Als ich zwei Stunden später aufwache, entfaltet sich in mir ein ausgeprägter Tatendrang. Während die Kleine zufrieden vor sich hinspielt, schnappe ich mir Stift und Zettel, um all diese Gedanken, die wie wilde Bienchen um mich herumschwirren, einzufangen. Ich bin irgendwie zappelig und aufgeregt, es sind nur noch wenige Wochen bis zur Geburt.

Oft frühstücken wir am Wochenende beinahe den halben Tag lang. Aber heute muss es schneller gehen, es ist keine Zeit zu verlieren: Nestbautrieb!

Ich habe die Idee, dass wir doch direkt ins Café gehen können, um dort zu frühstücken und danach die Liste zusammen abarbeiten. Ich möchte Haken machen können, Erledigtes durchstreichen. Auf der Liste stehen viele kleine Dinge wie Schaumstoff zuschneiden lassen und Stoff kaufen. Alle anderen Punkte mussten hauptsächlich in der Wohnung abgearbeitet werden (Wickeltisch vorbereiten, hier und da umräumen, Kliniktasche packen).

Ins Café zu gehen, ist eine optimistische Idee von mir. Ich liebe es, im Café zu sitzen, zu frühstücken, Kaffee zu trinken. Faktisch, mache ich das aber kaum noch zusammen mit der Kleinen, weil sie da andere Prioritäten setzt. Sie hält absolut gar nichts davon, länger als für Minuten in einem Hochstuhl zu sitzen, geschweige denn auf dem Schoß. Nach einigen turbulenten Außer-Haus-Esserlebnissen brauchte ich eine Pause und beschloss, erst mal nicht mehr mit ihr ins Café zu gehen. Aber das sah ich an diesem Morgen plötzlich anders.

Fliegende Croissants und brave Kinder

Wenig später sitzen wir an diesem Samstagmorgen im Café, um uns herum Paare mit ihren Kindern, die rein zufällig die gleiche Idee hatten. Zuerst sitze ich neben der Kleinen, die in einem Hochstuhl thront und es ist so gut wie unmöglich, den Kaffee in Ruhe zu trinken. Mein Optimismus der frühen Morgenstunde gerät langsam ins Wanken. Die Kleine ist zwar begeistert von ihrem Croissant, aber ebenso begeistert ist sie von den anderen Kindern oder dem Hund neben uns. Sie wirft immer wieder ihr Croissant herunter. Es ist so, dass sie sich am besten auf die eine Sache konzentrieren kann, die sie tun will. Wenn sie isst, dann isst sie. Trinkt sie, schiebt sie ihr Essen beiseite. Dann wirft sie ihren Trinkbecher weg, um sich wieder dem Essen zu widmen. Sie kann sich ganz schnell frei machen von Dingen, die sie hindern. Ein weggeworfenes Croissant bedeutet daher nicht, dass sie es nicht essen möchte. Es bedeutet nur, dass sie mit ihrer Aufmerksamkeit in dem Moment woanders ist.

Mein Ciabatta liegt unbeachtet mitten auf den Tisch. „Ich lass es mir vielleicht lieber einpacken“, nuschel ich. „Tauschen?“, fragt der Papa und wir wechseln unsere Plätze. Er fängt jetzt die fliegenden Croissantteile auf und ich esse in aller Ruhe mein Brötchen.

„Ich habe es schwerer als die anderen!“

Dann kommt mir dieser Gedanke und ich bin froh, dass er mir so richtig bewusst geworden ist und ich ihn deshalb beim Kragen schnappen konnte: „Ich habe es schwerer als die anderen Eltern“, geht mir durch den Kopf, als ich neben mir eine Familie sehe, deren kleine Kinder zufrieden auf dem Schoß der plaudernden Eltern sitzen.

Einbahnstraße. Natürlich kann man so einen Gedanken haben, ich glaube, dass vermutlich fast alle Eltern mal so einen Gedanken hatten. Dieser Gedanke beschreibt aber mehr einen Zustand, ist eine Momentaufnahme, in der man viellicht etwas überfordert ist, weil man sich eine Situation anders ausgemalt hat. Es ist wichtig zu merken, dass man solche Gedanken hat. Dann sehe ich ein Elternpaar, das versucht, seinem schreienden und strampelnden Kind die Jacke anzuziehen.
Ich muss über mich selbst schmunzeln.
Als wir das Café verlassen sagt der gut gelaunte Papa „Hat doch super geklappt“. Wie wahr!

Touchdown21: Die Welt soll mehr wissen über das Down-Syndrom

„Menschen mit Down-Syndrom gab es schon immer.
Auf der ganzen Welt.
Trotzdem gibt es noch viele Dinge, die wir nicht wissen.
Wir wollen mehr herausfinden.
Wie lebten sie früher?
Wie leben sie heute?“  

(Zitat: touchdown21.info)

Touchdown 21 ist ein Forschungsprojekt von und über Menschen mit Down-Syndrom. Ziel des Projekts ist es, Informationen zum Thema Down-Syndrom zu bündeln. Dieses gesammelte und aufbereitete Wissen wird auf dem Internetportal TOUCHDOWN21 zusammenführt. Darüberhinaus wird an einer Ausstellung gearbeitet, die im kommenden Jahr in der Bundeskunsthalle in Bonn gezeigt wird. Projektleitung hat Dr. Katja de Bragança, sie ist promovierte Biologin, Humangenetikerin und die Chefredakteurin des Magazins „Ohrenkuss“.

Touchdown 21 führt viele Fäden zusammen und ist in vier thematische Bereiche gegliedert: Alltag und die Frage, wie leben eigentlich Menschen mit dem Down-Syndrom? Welche Informationen zu Trisomie 21 hält die Medizin bereit? Wo in der ganzen Welt forschen Wissenschaftler eigentlich zum Down-Syndrom? Und welche neuen Erkenntnisse liefert die Forschung? Außerdem gibt es eine Reihe von Informationen zu der kommenden Ausstellung.

Screenshot des Portals www.TOUCHDOWN21.info, Dr. John Langdon Down, gezeichnet von der Kölner Künstlerin Leonie Schilling
Screenshot www.TOUCHDOWN21.info: Zu sehen ist Dr. John Langdon Down, gezeichnet von der Kölner Künstlerin Leonie Schilling

Das Down-Syndrom: Ein Anstoß, die Welt anders zu betrachten?!

Als ich diesen Blog vor einem Jahr begann und überlegt habe, worüber ich wohl schreiben kann, hatte ich gleich viele Ideen. Das Thema Down-Syndrom streift so viele bedeutende Lebensaspekte. Man könnte über das Glück schreiben. Was macht ein glückliches Leben wirklich aus? Oder einen Blick in die Geschichte werfen und sich fragen: Wie haben Menschen eigentlich früher mit dem Down-Syndrom gelebt? Und was ist unser Verständnis von normal? Was ist eigentlich meine Auffassung von Normalität? Wie definiere ich Leistung? Viele glauben, dass Menschen mit Down-Syndrom weniger intelligent sind. Aber kann man das wirklich so sagen? Was übersehen wir, wenn wir sie immer wieder an den sogenannten Normalos messen? Welche individuellen Fähigkeiten und Eigenschaften werden damit in den Schatten gestellt und gehen unter? Solche Maßstäbe machen nicht einen ganzen Menschen aus. TOUCHDOWN21 greift all diese spannenden Aspekte auf. 

Danke an das Team von Touchdown 21 für die Idee und Realisierung dieses Projekts! :-)