Monat: November 2015

Vom gescheiterten Versuch, ein Kinderbuch zu kaufen

Es ist Montag oder vielleicht auch Dienstag, das spielt aber auch keine große Rolle. Ich lasse die Tür hinter mir zufallen und genau in dem Moment, in dem ich höre, wie sie ins Schloss fällt, schießen mir Tränen die Wangen hinunter. Etwa 10 Minuten und zirka 300 Meter habe ich es geschafft, diesen Gefühlskloß in mir zu zähmen. Den ganzen Weg nach Hause vermeide ich es mit aller Kraft, auf offener Straße in Tränen auszubrechen, hoffend, nicht gerade jetzt einen Bekannten zu treffen, der mich fragt: „Und wie geht’s dir?“, oder so. Dann wäre alles aus und ich würde heulend auf der Straße stehen. Ich bin überrascht von mir, warum haut mich diese blöde Begegnung so um?!

„Wenn sie das kaputt macht, dann müssen Sie das bezahlen.“ Während ich bei einer Verkäuferin an der Kasse des kleinen Buchladens stehe (es war nicht irgendeiner, es war mein Lieblingsbuchladen) und meine PIN eingebe, um zwei Bücher für die Kleine zu bezahlen, säuselt die dahinter sitzende Verkäuferin mir mit scharfer Miene diesen Satz entgegen. Ich lächle sie zunächst an, im Glauben sie würde etwas Nettes sagen. Aber nein. Ich habe offensichtlich die Kleine beim Eingeben der PIN kurz nicht im Blick gehabt. „Ihr Kind hat das Buch runtergerissen, Sie haben nicht richtig aufgepasst! Sie müssen das bezahlen, wenn es kaputt ist“, wiederholt sie. „Sie können Ihr Kind hier nicht einfach rumkrabbeln lassen, dies ist ein Buchladen!“ Selbstverständlich! Natürlich! Ist doch klar. Das will ich doch auch gar nicht. „Äh, ich habe schon aufgepasst …“ „Nein, haben Sie nicht …“, sie war nicht zu stoppen. Ich entschuldige mich, ich will mich gar nicht mit ihr streiten.

Es war ein Versuch
Ich habe mir schon länger gewünscht, für die Kleine ein schönes Buch auszusuchen. Wie oft ich an dem Schaufenster vorbeigelaufen, aber niemals reingegangen bin, seit Wochen, seit Monaten. Weil ich keinen Ärger verursachen möchte, habe ich es immer wieder gemieden. Aber das ist keine Lösung auf Dauer, nicht für mich. Ich möchte einen Weg finden, mit der Kleinen. Ich weiß, dass in dem Laden eine kleine Kiste für Kinder steht. Ich gebe mir einen Ruck und will es probieren, denn solange sie die Kiste ausräumt, könnte ich doch ein Buch für sie auswählen, ganz schnell … Aber dann: Bauchlandung, Pech gehabt, Mist.

Eine Phase
Mal eben mit der Kleinen zur Post, ein Paket abgeben, dabei in einer Schlange warten … geht selten. Nach spätestens drei Minuten versucht sie, sich mit all ihrer Kraft aus dem Wagen zu befreien, rauszuklettern, weint und protestiert, wenn es nicht gelingt. Einkaufen, wenn die Gänge zu eng sind, geht nur, wenn die Kleine im Kinderwagen schläft. Andernfalls streckt sie ihre Arme aus und reißt alles, was sie mit ihren gespreizten Fingern erreichen kann, herunter. Ich gehe, wenn möglich, nur noch in den Supermarkt mit den breitesten Gängen. Arztbesuche (ich bin ja schwanger und habe einige davon zu absolvieren) kann ich ohne Bestechungs-Franzbrötchen vergessen. Ein kleiner Koffer mit sorgfältig ausgewählten Spielsachen interessiert die Kleine nicht, wenn wir woanders sind. Ein Regal mit Flyern, eine Schublade im Behandlungsraum, Kabel, Steckdosen, technische Geräte, all das sind Reize für sie, denen sie nicht widerstehen kann. Ein Reiz löst unmittelbar einen Impuls aus, dem sie folgt, folgen muss. Es steckt eine enorme Energie dahinter. Sie davon abzuhalten, ist so gut wie unmöglich. Es ist eine Phase, versicherte mir die Heilpädagogin. Eine Phase, die eine ganze lange Weile andauern kann.

Es war mein Laden
Dann kommt dieser Satz von der Verkäuferin: „Ich habe zwei Kinder und mir ist sowas nie passiert.“ Das ist fies irgendwie. Ich habe keine Chance, die Situation zu befrieden, stehe sprachlos da. Ich habe die Große ja relativ jung bekommen, sie ist 16 Jahre alt heute. Ich habe ihr erstes Buch in diesem Laden gekauft, es trug ihren ersten und zweiten Namen, die sehr selten sind. Damals war sie wenige Wochen alt. Dann kaufte ich dort Bilderbücher, „Bobo“ in allen möglichen Versionen. „Conni“ lernt dies, „Conni“ lernt das … Dann erschienen die „Lola“-Bücher von Isabel Abedi und die Große fieberte jeder neuen Veröffentlichung entgegen, besuchte zwei Lesungen der Autorin in dem kleinen Laden … Und natürlich all die Geschenke für Kindergeburtstage! Mein Laden.

Und jetzt?! Einschließen oder anecken?!
Die ganze Situation ist so ausgegangen, dass ich die eben gekauften Bücher wieder zurückgegeben habe. Ich wollte einfach nur noch raus und von dem Laden erst mal nix mehr wissen. Während der Rückgabe halte ich die Kleine mit Mühe auf dem Arm, sie möchte runter. Ich setze sie in ihren Kinderwagen und sie greift dabei einen Stapel Postkarten aus einem Ständer. Ich sammle sie auf, ordne sie wieder ein. Draußen sehe ich, dass noch eine in ihrem Fußsack gelandet ist. Gehe rein und stelle sie in den Ständer zurück. Die Verkäuferinnen bemerken uns nicht.
Ich werde weiter meinen Weg mit der Kleinen gehen. Ich kann und möchte nicht alle Situationen meiden, die möglicherweise unangenehm sein können. Sie wird Zeit benötigen, um zu verstehen, was sie darf und was nicht. Ich werde Geduld berauchen. Aber ich möchte hier leben, in meinem Stadtteil, ganz normal, und mich nicht abschotten. Die ein oder andere unschöne Begegnung wird es vielleicht noch geben: Wenn dann wirklich mal was kaputt geht, weil ich einen Moment nicht aufgepasst habe.

Graphic Novel: „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“

Gerade ist die Graphic Novel „Dich hatte ich mir anders vorgestellt von Fabien Toulmé im Avant Verlag erschienen, fast 250 Seiten dick. Der Autor und Illustrator ist Vater einer Tochter mit Down-Syndrom und erzählt in seiner ersten Graphic Novel über seine Erfahrungen vor und nach der Geburt seiner kleinen Tochter. Toulmé lebt heute mit seiner Frau Patricia und seinen beiden Töchtern Julia und Louise in Frankreich, in Aix-en-Provence.

Der erste Eindruck: Wie ein Treffen mit einem alten Bekannten
Ich halte das Buch in den Händen, habe eigentlich gar nicht so richtig Zeit zum Lesen, aber es ist mir einfach unmöglich „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ aus der Hand zu legen. Die Illustrationen, die Emotionen, sie packen mich und sprechen zu mir wie ein alter Bekannter. Insbesondere als Toulmé den Moment beschreibt, in dem er von den unbeschwerten und nichts ahnenden Freunden und Bekannten und ihren Glückwünschen zur Geburt seiner Tochter überfordert ist – und schließlich zum Frontalangriff übergeht und alle mit einer E-Mail über die unerwartete Situation informiert: Sie hat das Down-Syndrom. Mir laufen die Tränen die Wangen hinab. Genau so haben wir es damals gemacht. Das war ein schwerer, ein schmerzhafter Schritt.

Dich hatte ich 1
Die Ärzte geben Fabien keinen Anlass, sich Sorgen zu machen © Avant Verlag

Schonungslos und düster                                                                                                                               

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ ist eine sehr persönliche und schonungslos ehrliche, ja radikale Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und Vorstellungen davon, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Nichts wies zuvor darauf hin, das junge Paar war völlig unvorbereitet. Die kleine Familie zieht während der Schwangerschaft von Brasilien nach Frankreich zurück, die Geburt findet plötzlich und per Notkaiserschnitt statt. Toulmé darf nicht dabei sein, wartet ungeduldig auf dem Gang. Schmerzlich vermisst er die Magie dieses einzigartigen Moments, dabei zu sein, wenn das eigene Kind zur Welt kommt. Während seine Frau aus der Narkose erwacht, besucht er seine kleine Tochter auf der Säuglingsstation. Sie liegt in einem Inkubator. Toulmé erkennt sofort die Merkmale des Down-Syndroms und fragt nach. Tagelang verneinen alle seine Sorgen – bis eine Ärztin den Verdacht schließlich offen ausspricht.

Tabuthema Ablehnung                                                                                                                                

Toulmé legt in „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ ein Tabuthema offen: die anfängliche Ablehnung des eigenen Kindes. Das klingt für viele Menschen im ersten Moment befremdlich. Natürlich schmerzt es mit anzusehen, wie ein Vater sein Neugeborenes lange nicht auf den Arm nehmen kann, nichts für sie empfindet. Sich mit Rückenschmerzen herausredet. Sich insgeheim sogar den Tod seiner Tochter wünscht, um sich im nächsten Moment dafür zu verachten. Natürlich macht das betroffen und traurig. Aber was erwarten wir?! Welches Bild hat unsere Gesellschaft über die letzten Jahrzehnte von Menschen mit Down-Syndrom erschaffen? Viele haben heute noch die Vorstellung von einem „Idioten“, eines „geistig behinderten Mongos mit Bommelmütze“, der sein Leben lang an Mamis Hand läuft und in einer Werkstatt für Behinderte Tag ein Tag aus Schrauben sortiert?! Auch heute noch wird alles dafür getan, das Down-Syndrom zum Schreckgespenst sämtlicher Eltern werden zu lassen, etwa indem Tests zu Früherkennung immer schneller, immer billiger auf dem Markt kommen. Dann muss doch was dran sein, wenn dieses Leben als „zu vermeiden“ gilt?! Wie viele Eltern tun alles, um zu verhindern, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Testen, abtreiben. Die Angst müssen wir nicht wegreden. Und genau deshalb ist es großartig, anhand dieser Graphic Novel mitzuerleben, wie eine Familie es schließlich schafft, mit dieser Ohnmacht umzugehen.

Dich hatte ich 2
© Avant Verlag

Ein Buch voller Liebe


Wir wissen so viel und doch so wenig über ein Leben mit Kindern mit Down-Syndrom. Wie, um alles in der Welt, sollte die Diagnose also für frisch gebackene Eltern einfach sein? Ich habe seit der Geburt der Kleinen viele Eltern kennengelernt, die ein Kind mit Down-Syndrom haben. Ich habe bisher nur eine einzige Mutter kennengelernt, die gesagt hat, sie habe dieses Schockerlebnis, diese Trauer nicht gefühlt. Bei allen anderen Eltern gab es Krisen und Trauer von sehr unterschiedlicher Ausprägung und Dauer.
Und alle, die ich kenne, lieben ihr Kind heute, sind verzaubert – genau wie Toulmé: Nach den ersten düsteren, ja, harten Seiten kommt irgendwann wie eine Erlösung der Satz „Die Liebe wurde so stark, viel stärker, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.“ Denn sein Buch sagt nicht: „Seht her, so schwer ist es, ein Kind mit Down-Syndrom anzunehmen.“ Seine Botschaft lautet: „Hey, es kann schwer sein am Anfang, aber danach, wenn du deine Trauer und deine Angst überwunden hast, dann wartet Kraft auf dich. Diese Kraft heißt Liebe, einzigartige und bedingungslose Liebe zu deinem Kind.“

Dich hatte ich 3
© Avant Verlag

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder“


Das Buch „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ beginnt und schließt mit den Zeilen von Khalil Gibran „Eure Kinder sind nicht eure Kinder“. Ebenso wie bei Toulmé hing das Zitat auch in meiner Kindheit in der Wohnung meiner Eltern. Es war ein Plakat, auf dem im Hintergrund ein Baby in Schwarzweiß abgebildet war und darauf die Worte von Khlail Gibran, einfasst in einen rahmenlosen Bilderrahmen. Ich bin damit aufgewachsen, habe erst als Jugendliche angefangen zu verstehen, was damit gemeint ist. Ich musste nach der Geburt der Kleinen ebenfalls oft an den Satz denken: Kinder gehören uns nicht, wir haben nicht das Recht, sie zusammenzustellen wie eine Wohnungseinrichtung. Vielmehr sollten wir sie annehmen, als ein Geschenk, einen Partner, mit dem wir eine Weile unseres Lebens zusammen gehen werden. Der unsere Liebe und Achtung braucht, um zu wachsen. Oder wie Toulmé schließlich sagt: „Wir können glücklich sein, dass sie uns ausgesucht hat“!

Dich hatte ich mir_Cover
© Avant Verlag „Dich hatte ich mir anders vorgestellt …“, Text & Zeichnung Fabien Toulmé, Avant Verlag, 24,95 Euro