„Nach erfolgter Antragsprüfung bieten wir den gewünschten Versicherungsschutz für Ihre Tochter nicht an. …, wir können gut verstehen, wenn Sie von dieser Nachricht enttäuscht sind. Bitte haben Sie Verständnis für unsere Entscheidung“.

„Ich hab da eine Versicherung für euch!“ Oder: Wie alles anfing …

Wissen Sie, Herr Kaiser, meine Mutter hat mir die Versicherung empfohlen, für die Sie arbeiten. Sie selbst hat so gut wie alles, was geht, versichern lassen. Meine große Tochter hat schon seit Jahren eine Zusatzversicherung, aber das habe ich Ihnen ja alles erzählt, als sie hier bei uns zu Hause am Tisch saßen. Ich fand Sie wirklich sympathisch, kompetent. Wasser, Saft und Kekse habe ich Ihnen angeboten, Sie tranken aber nichts. Ich hielt meine wenige Tage alte dritte Tochter im Arm. Sie haben mir auch kurz von Ihren Kindern erzählt und wie magisch doch die Zeit nach der Geburt eines Kindes ist. Ich habe Ihnen dann das ganze Kapitel „Krankheit und Gesundheit vom ersten Atemzug bis heute“ aus meinem Leben und dem meiner Kinder vorgetragen. Alle Unterlagen lagen kopiert und sortiert bereit. Der Stapel von der Kleinen war der größte. Nicht, weil sie so viele Erkrankungen hat. Nein. Weil wir viele Untersuchungen machen lassen, um Krankheiten oder Probleme auszuschließen. Das machen wir sehr gewissenhaft und heften alles schön ordentlich ab. Die Kleine ist ein ziemlich gesundes Mädchen, Herr Kaiser. Aber das habe ich Ihnen ja auch erzählt.

Ich war mit meiner allerkleinsten Tochter vier Tage nach der Geburt im Krankenhaus. Nicht nur, dass sie Gelbsucht hatte, sondern zu allem Überfluss hatte ich mir auch noch einen Magen-Darm-Virus zugezogen und kauerte im Krankenhaus mehr oder weniger auf dem Beistellbett. Keine Toilette am Zimmer. Ich fühlte mich nicht gut betreut und träumte insgeheim von einer Zusatzversicherung. Wenige Tage später saßen Sie bei uns und sahen keine Probleme, dass die Kleine aufgenommen würde. Lediglich: „Die Heilpraktikerleistungen, da müssen Sie wohl von ausgehen, dass man Ihnen die streicht für die Kleine“.

Die Ablehnung

Am 23.12 halte ich dann den Brief in den Händen, dass sie nicht aufgenommen wird. Ohne Erklärung, aber mit der Bitte um Verständnis.

Hallo, Herr Kaiser?!

Ich greife zum Telefon und rufe Sie an. Sie sind verwundert, haben selbst nicht damit gerechnet. Ich koche innerlich, bin aber freundlich, Sie sind ein sympathischer Mann und haben diese Entscheidung nicht getroffen. Ich bitte um eine Begründung.

Die Begründung

Kurz nach Weihnachten kommt die schriftliche Erklärung. Wieder kann man meine Enttäuschung sehr gut verstehen. Als Grund wird genannt: das (einst bestehende und längst spontan verschlossene) Loch im Herzen, ein (angeblicher) Vitamin-B12-Mangel und ein anderer auffallender Wert.

Das verlogene Gleicheitsprinzip

Menschen mit Down-Syndrom leiden ja nicht am Down-Syndrom. Doch häufig gehen mit dem Down-Syndrom gesundheitliche Einschränkungen einher. Nicht wenige haben einen Herzfehler oder sind anfällig für Infekte. Die Kleine ist extrem stabil bisher. Nach der Geburt wurde bei ihr ein Loch im Herzen festgestellt. Das schloss sich bereits nach wenigen Wochen von ganz alleine. Weitere Kontrollen sind nicht mehr erforderlich, das steht ja auch in dem Schreiben, das ich Ihnen gegeben habe. Ein B12-Mangel besteht nicht. Genau genommen waren diese Werte einmal im unteren Normbereich. Das wurde bei einer Routineuntersuchung festgestellt. Auch ein anderer Wert war damals auffällig. Die Ärztin führte diese Schwankungen auf einen leichten Infekt zurück. Wir ließen es wenige Wochen darauf erneut prüfen und die Werte waren in Ordnung. So steht es auch in dem Schreiben.

Es ist nicht nur unfair, nein, es ist skandalös und ich nenne es diskriminierend, ein Kind mit Down-Syndrom mit einem gesunden Durchschnittskind zu vergleichen. Ich vergleiche ja auch nicht ein Baby mit einem Erwachsenen und sage das Baby kann ja nicht laufen, nicht sprechen, ist ständig auf Hilfe angewiesen. Es ist normal bei einem Baby, dass es hilflos ist. Und ebenso leben Menschen mit Down-Syndrom unter anderen Bedingungen, die gesehen werden müssen und gesehen werden dürfen.

Ach, Herr Kaiser, was soll ich sagen?! Ich glaube, Sie würden nicht anders fühlen und denken, wären Sie an meiner Stelle. Was ist einem Menschen näher, welche Liebe kann größer nicht sein und wofür ist man zu kämpfen bereit, wenn nicht für die eigenen Kinder?! Sicher können Sie nachvollziehen, dass diese Geschichte mehr als Enttäuschung bei mir hinterlässt. Sind es nicht Erfahrungen wie diese, die mir zeigen, wie bitter notwenig es ist zu kämpfen und aufzustehen, wenn es um die Verteidigung der Rechte von Menschen mit Behinderung geht?

„Chancengleichheit besteht nicht darin, dass jeder einen Apfel pflücken darf, sondern dass der Zwerg eine Leiter bekommt“