Es gibt Dinge, über die ich stundenlang nachdenken könnte. Die mich nicht loslassen. Weil ich nach einer schlüssigen Erklärung suche und keine finde. Oder weil mich ein Thema emotional irgendwie aufwühlt. So wie gestern Abend, da hat mich ein Telefonat nicht mehr losgelassen. Es ging um das Thema Diagnostik.

Ich habe kürzlich durch eine andere Mutter von einem Kursangebot zum Thema Gebärden-unterstütze Kommunikation gehört. Spannend, dachte ich. Es ist sicher hilfreich sich mit anderen Eltern auszutauschen, vielleicht noch Tipps von Logopäden oder anderen Fachleuten zu erhalten. Da können wir doch super an dem Seminar von Etta Wilken anschließen. Ich nehme Kontakt zu dem Anbieter auf. Wir können an dem Kurs im kommenden Jahr teilnehmen und sollen uns zur Diagnostik anmelden. Diagnostik? Ich überlege, was damit gemeint ist. Was genau soll denn diagnostiziert werden? Bin etwas verwirrt, da ich mich nur zu einem Kurs anmelden wollte. Aber okay, ich frag mal nach, was denn genau mit Diagnostik gemeint ist. Wir sind ja inzwischen schon fast kleine Profis und natürlich weiß ich, dass Sprache und Hörvermögen zusammenhängen.

Wir haben seit der Geburt der Kleinen ein gutes Netz an Fachleuten um uns herum aufgebaut. Es fußt auf medizinischen und auch pädagogischen Empfehlungen. Dieses Netz besteht aus Menschen, deren Einschätzungen und Meinungen mir sehr wichtig sind. Wir „arbeiten“ sozusagen auf Augenhöhe und nehmen uns gegenseitig sehr ernst. Die Physiotherapeutin, die Logopädin, die Heilpädagogin, die Kinderärztin, die Augenärztin, der Ohrenarzt und ein spezielles Zentrum für Sehen, Hören, Bewegen und Sprechen. Und die Spezialisten für die Schilddrüse. Hinzu kommt noch eine weitere Kinderärztin, die jedes halbes Jahr eine übergreifende Diagnostik durchführt.

Ich denke, ich bin eine ganz normale Mutter – eine, die alles Erdenkliche für ihre Kinder tut, die sie angemessen in ihrer Entwicklung unterstützen und zu glücklichen Menschen machen möchte. Bei der Kleinen habe ich ein besonderes Augenmerk in mancherlei Hinsicht. Darf ich da ein Angebot ausschlagen? Darf ich dann sagen, „Nein, dass will ich nicht?!“ Weil mir die Herangehensweise des Anbieters nicht gefällt, zu klinisch ist? Oder verpasse ich dann etwas Wichtiges, stelle meine eigene Haltung in den Mittelpunkt und schade dadurch meiner Tochter womöglich?

Ich spreche dann gestern am Telefon mit einem Mitarbeiter. Er wirkt sehr freundlich, kompetent und vor allem überzeugt von seinem Konzept. Ich will mich nicht streiten, ich merke aber, er versteht mich nicht. Welche „Sorge“ ich denn hätte. „Ich habe keine Sorge“, schießt es aus mir heraus. „Ich möchte einfach nicht, dass sie unnötig viele Untersuchungen machen muss“. „Die Untersuchungen machen den Kindern meist gar nichts aus“, sagt er. Ich weiß sehr wohl, wie wir die Kleine zu zweit festhalten müssen und sie schreien und brüllen kann. Wir finden nicht zueinander, es gibt kein Rütteln daran, bestimmte Untersuchungen müssen dort vor Ort gemacht werden, ganz egal, ob es ein anderer Arzt vielleicht eine Woche zuvor schon gemacht hat. Die Ergebnisse könnten ja nicht so genau sein, darauf würde man „sich nicht verlassen“ die Eltern könnten dann später das Institut gar verklagen, weil etwas Wichtiges übersehen worden ist. Und der Chef lasse das gewiss auch nicht durchgehen. Ich weiß nicht, das ist nicht meine Welt, geprägt von Misstrauen. Gibt es kein Vertrauen unter den Kollegen, dass sie Messungen an den Ohren korrekt vornehmen?

Ich will dieses System nicht um des Systems willen bedienen, weil es so sein muss, weil es immer so war. Ich könnte demzufolge jede Untersuchung, jedes Ergebnis hinterfragen und von einem anderen Experten neu prüfen lassen und in einen regelrechten Diagnosewahn verfallen. Etwas übersehen und Fehler machen kann jeder, das ist klar. Doch ich habe Vertrauen in unser Netz, das ist mir wichtig.

Ach und den den Kurs, den lasse ich nun getrost mal ausfallen.

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