Ich renne hin und her, zwischen Wohnzimmer und Küche. Räume eilig das Mein erstes Memory vom Esstisch ins Regal, trinke hastig einen Schluck lauwarmen Kaffee und schiele dabei am Tassenrand vorbei auf diese Pfütze auf dem Tisch. Die Kleine hat heute morgen ein Glas Wasser umgeschüttet. Extra. Sie patscht liebend gern mit der flachen Hand in Flüssigkeiten aller Art herum. Ich bin innerlich hektisch, wirklich sehr hektisch. Die Kleine und Mini schlafen. Ich habe jetzt gefühlte drei Sekunden, um die ganze Wohnung einigermaßen besuchertauglich zu machen, bevor sie wieder aufwachen. Wo soll ich anfangen? Heute kommt die Physiotherapeutin zu uns nach Hause. Sie arbeitet mit der Kleinen auf dem Boden. Und genau den möchte ich jetzt sauber machen, befreien von Brotkrümeln und angetrockneter Tomatensoße.

In der Küche greife ich mir zackig den Handfeger, er fällt mir dann runter und ich weiche einen Schritt zurück um ihn aufzuheben. Dabei stolpere ich über das Töpfchen der Kleinen. Sie spaziert mit ihrem Töpfchen gern durch die Wohnung. Dieses Rumgestolpere ist wohl etwas typisch für mich. In solchen Momenten habe ich mir schon einen Bänderriss zugezogen, einen Zeh gebrochen, zweimal die Finger in der Autotür eingeklemmt oder mir (ganz einfach nur) in den Finger geschnitten. Also Tempo runter, was passiert schon, wenn der Boden nicht gewischt, die Küche nicht aufgeräumt ist. Soweit also die Theorie.

Ich schließe mein Handy ans Ladekabel an und lese eine neue Nachricht von der Großen. „OMG, wie cuteee. Das ist das Lustigste überhaupt“. Ich hatte ihr ein Foto von Mini´s Reisepass geschickt. Biometrische Babyfotos sind wirklich unglaublich skurril, sie haben etwas von Baby-Verbrecher-Fahndungsbildern. Die Große ist 16 und seit letztem Sommer in den USA. Das war seit Jahren ihr Traum. Heimweh ist ihr fremd, die Welt zu entdecken ihr innerer Plan. Sie geniesst ihre Zeit, hat eine wunderbare Gastfamilie und geht gern zur Highschool. Schwer ist für sie trotz Allem die Trennung von der Kleinen und, dass sie Mini bisher nur über Face-Time und whatsapp mitbekommen hat. Sie hat sich mit 16 Jahren einen Traum erfüllt. Sie hat hier schon mit 14 Prospekte von Austauschorganisationen gesammelt. Auch die Vorstellungstermine bei diversen Organisationen hat sie selber gemacht und mich mehr oder weniger mitgeschleppt. Diesen Traum dann platzen lassen, weil die Mama noch ein Baby bekommt?! Für uns beide war klar, dass das nicht der Weg ist und wir, und vor allem sie das durchstehen wird. Ich bin überzeugt, dass sie an ihren Erfahrungen wachsen wird und ich bewundere sie für ihre Klarheit, mit der sie ihre Pläne umsetzt. Nun habe ich kürzlich einen Flug gebucht und werde sie im Juni mit Mini abholen. Das erste Treffen, das erste Kennenlernen der beiden Schwestern wird also an der Ostküste der USA stattfinden. Ich bekomme sofort Gänsehaut, wenn ich daran denke und mir vorstelle, wie ich aus dem Auto steige und nicht nur die Große nach zehn Monaten in die Arme schließe, sondern sie auch ihre winzig kleine Schwester zum allerersten Mal richtig ansehen, anfassen, riechen und auf den Arm nehmen kann. Das wird ein Moment der sich einprägen wird, den ich niemals vergessen werde, einer der ganz großen, ganz tiefen Momente im Leben.

Die Wohnung habe ich so einigermaßen sauber bekommen. Beide Kinder haben noch eine halbe Stunde geschlafen. Ich konnte die Physiotherapeutin immerhin empfangen, ohne rot zu werden. Lustigerweise aber klingelt es einen Tag später erneut an der Tür. Die Feuermelder müssen gewartet werden, das hatte ich ganz vergessen. Und die Wohnung, naja, es war mir schon sehr peinlich, die Kleine hatte (ganz in ihrem Element) alles Erreichbare ausgeräumt, das war nicht zu übersehen. Die Mehlspuren an unsere Kleidung und der Geruch in der Wohnung verrieten, dass wir statt aufzuräumen lieber Rosinenbrötchen gebacken hatten. Die Kleine liebt es, die Rosinen in den Teig zu schütten und reinzudrücken. Also, tun wir doch heute einfach nur mal das, was wir lieben, oder 😉

1 Comment on Die Kinder schlafen: In drei Sekunden alles schaffen wollen

  1. Gute Mütter haben dreckige Fußböden, schmierige Fenster, vertrocknete Pflanzen, aber glückliche Kinder – frei nach einer Postkarte der Zeitschrift Eltern :-). Also alles richtig gemacht! Wen interessieren da schon die Feuermelder-Handwerker!

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