Gerade ist die Graphic Novel „Dich hatte ich mir anders vorgestellt von Fabien Toulmé im Avant Verlag erschienen, fast 250 Seiten dick. Der Autor und Illustrator ist Vater einer Tochter mit Down-Syndrom und erzählt in seiner ersten Graphic Novel über seine Erfahrungen vor und nach der Geburt seiner kleinen Tochter. Toulmé lebt heute mit seiner Frau Patricia und seinen beiden Töchtern Julia und Louise in Frankreich, in Aix-en-Provence.

Der erste Eindruck: Wie ein Treffen mit einem alten Bekannten
Ich halte das Buch in den Händen, habe eigentlich gar nicht so richtig Zeit zum Lesen, aber es ist mir einfach unmöglich „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ aus der Hand zu legen. Die Illustrationen, die Emotionen, sie packen mich und sprechen zu mir wie ein alter Bekannter. Insbesondere als Toulmé den Moment beschreibt, in dem er von den unbeschwerten und nichts ahnenden Freunden und Bekannten und ihren Glückwünschen zur Geburt seiner Tochter überfordert ist – und schließlich zum Frontalangriff übergeht und alle mit einer E-Mail über die unerwartete Situation informiert: Sie hat das Down-Syndrom. Mir laufen die Tränen die Wangen hinab. Genau so haben wir es damals gemacht. Das war ein schwerer, ein schmerzhafter Schritt.

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Die Ärzte geben Fabien keinen Anlass, sich Sorgen zu machen © Avant Verlag

Schonungslos und düster                                                                                                                               

„Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ ist eine sehr persönliche und schonungslos ehrliche, ja radikale Auseinandersetzung mit den eigenen Ängsten und Vorstellungen davon, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Nichts wies zuvor darauf hin, das junge Paar war völlig unvorbereitet. Die kleine Familie zieht während der Schwangerschaft von Brasilien nach Frankreich zurück, die Geburt findet plötzlich und per Notkaiserschnitt statt. Toulmé darf nicht dabei sein, wartet ungeduldig auf dem Gang. Schmerzlich vermisst er die Magie dieses einzigartigen Moments, dabei zu sein, wenn das eigene Kind zur Welt kommt. Während seine Frau aus der Narkose erwacht, besucht er seine kleine Tochter auf der Säuglingsstation. Sie liegt in einem Inkubator. Toulmé erkennt sofort die Merkmale des Down-Syndroms und fragt nach. Tagelang verneinen alle seine Sorgen – bis eine Ärztin den Verdacht schließlich offen ausspricht.

Tabuthema Ablehnung                                                                                                                                

Toulmé legt in „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ ein Tabuthema offen: die anfängliche Ablehnung des eigenen Kindes. Das klingt für viele Menschen im ersten Moment befremdlich. Natürlich schmerzt es mit anzusehen, wie ein Vater sein Neugeborenes lange nicht auf den Arm nehmen kann, nichts für sie empfindet. Sich mit Rückenschmerzen herausredet. Sich insgeheim sogar den Tod seiner Tochter wünscht, um sich im nächsten Moment dafür zu verachten. Natürlich macht das betroffen und traurig. Aber was erwarten wir?! Welches Bild hat unsere Gesellschaft über die letzten Jahrzehnte von Menschen mit Down-Syndrom erschaffen? Viele haben heute noch die Vorstellung von einem „Idioten“, eines „geistig behinderten Mongos mit Bommelmütze“, der sein Leben lang an Mamis Hand läuft und in einer Werkstatt für Behinderte Tag ein Tag aus Schrauben sortiert?! Auch heute noch wird alles dafür getan, das Down-Syndrom zum Schreckgespenst sämtlicher Eltern werden zu lassen, etwa indem Tests zu Früherkennung immer schneller, immer billiger auf dem Markt kommen. Dann muss doch was dran sein, wenn dieses Leben als „zu vermeiden“ gilt?! Wie viele Eltern tun alles, um zu verhindern, ein Kind mit Down-Syndrom zu bekommen. Testen, abtreiben. Die Angst müssen wir nicht wegreden. Und genau deshalb ist es großartig, anhand dieser Graphic Novel mitzuerleben, wie eine Familie es schließlich schafft, mit dieser Ohnmacht umzugehen.

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© Avant Verlag

Ein Buch voller Liebe


Wir wissen so viel und doch so wenig über ein Leben mit Kindern mit Down-Syndrom. Wie, um alles in der Welt, sollte die Diagnose also für frisch gebackene Eltern einfach sein? Ich habe seit der Geburt der Kleinen viele Eltern kennengelernt, die ein Kind mit Down-Syndrom haben. Ich habe bisher nur eine einzige Mutter kennengelernt, die gesagt hat, sie habe dieses Schockerlebnis, diese Trauer nicht gefühlt. Bei allen anderen Eltern gab es Krisen und Trauer von sehr unterschiedlicher Ausprägung und Dauer.
Und alle, die ich kenne, lieben ihr Kind heute, sind verzaubert – genau wie Toulmé: Nach den ersten düsteren, ja, harten Seiten kommt irgendwann wie eine Erlösung der Satz „Die Liebe wurde so stark, viel stärker, als ich es mir jemals hätte vorstellen können.“ Denn sein Buch sagt nicht: „Seht her, so schwer ist es, ein Kind mit Down-Syndrom anzunehmen.“ Seine Botschaft lautet: „Hey, es kann schwer sein am Anfang, aber danach, wenn du deine Trauer und deine Angst überwunden hast, dann wartet Kraft auf dich. Diese Kraft heißt Liebe, einzigartige und bedingungslose Liebe zu deinem Kind.“

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© Avant Verlag

„Eure Kinder sind nicht eure Kinder“


Das Buch „Dich hatte ich mir anders vorgestellt“ beginnt und schließt mit den Zeilen von Khalil Gibran „Eure Kinder sind nicht eure Kinder“. Ebenso wie bei Toulmé hing das Zitat auch in meiner Kindheit in der Wohnung meiner Eltern. Es war ein Plakat, auf dem im Hintergrund ein Baby in Schwarzweiß abgebildet war und darauf die Worte von Khlail Gibran, einfasst in einen rahmenlosen Bilderrahmen. Ich bin damit aufgewachsen, habe erst als Jugendliche angefangen zu verstehen, was damit gemeint ist. Ich musste nach der Geburt der Kleinen ebenfalls oft an den Satz denken: Kinder gehören uns nicht, wir haben nicht das Recht, sie zusammenzustellen wie eine Wohnungseinrichtung. Vielmehr sollten wir sie annehmen, als ein Geschenk, einen Partner, mit dem wir eine Weile unseres Lebens zusammen gehen werden. Der unsere Liebe und Achtung braucht, um zu wachsen. Oder wie Toulmé schließlich sagt: „Wir können glücklich sein, dass sie uns ausgesucht hat“!

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© Avant Verlag „Dich hatte ich mir anders vorgestellt …“, Text & Zeichnung Fabien Toulmé, Avant Verlag, 24,95 Euro

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