Eine Freundin von mir hatte eine Begegnung mit der Steinzeit. Vor wenigen Tagen steht sie mit ihrem zweijährigen Sohn, der auch das Down-Syndrom hat, beim Bäcker:

Verkäuferin: Er ist mongoloid, oder?

Mama: Heute spricht man nicht mehr von mongoloid, man spricht vom Down-Syndrom oder Trisomie 21. Und ja, das hat er.

Verkäuferin: Wird das im Alter noch schlimmer? Oder geht das wieder weg?

Mama: Nein, das geht nicht wieder weg, er bleibt so, wie er ist.

Verkäuferin: Aber er ist zurück, richtig?

Mama: Er ist nicht zurück, er ist langsamer in seiner Entwicklung. Er braucht einfach etwas länger für seine Entwicklungsschritte. Er kann alles lernen und werden und ich bin gespannt, was er alles lernt. Ob er später Spitzenarzt oder Nobelpreisträger wird ..?

Und während die Frau wiederholte „Ja, er kann alles werden …“, bewegte sich der Kleine schon in Richtung Ausgang und die Mama hatte irgendwie das Gefühl, diese Frau hatte vielleicht etwas dazugelernt. Seit der Geburt der Kleinen ist das Thema Down-Syndrom für uns normal geworden. An solchen Begegnungen aber wird deutlich, wie wenig viele Menschen wirklich darüber wissen. Mongoloid?! Diese Bezeichnung wird doch eigentlich schon lange nicht mehr benutzt. Wie hätte ich wohl reagiert in diesem Moment? Ich wurde noch nie so offen auf das Down-Syndrom der Kleinen angesprochen. Bis gestern.

Ein seltsamer Tag: Ich glaube, jetzt fallen wir auf

Ich stehe im Aufzug des Krankenhauses, in dem ich bald unser Baby zur Welt bringen werde. Wie auch bei der Kleinen wird die Geburt von einer Beleghebamme begleitet. Ich komme gerade von einem Termin mit einer. Es ist unmöglich geworden, mit der Kleinen nicht aufzufallen, es sei denn sie schläft im Kinderwagen. Wenn der Wagen steht, nimmt sie zu jedem Menschen im Radius von zwei Metern Kontakt auf. Entweder spitzt sie ihren Mund zu einem Kussmund und wirft anderen Menschen Küsse zu. Oder aber sie fasst die Menschen einfach gleich an. Wer in der vollen Bahn sehr nah an uns steht, ist ein potenzieller Spielpartner. So wie gestern, als sie sich sehr für den goldenen Ehering an der Hand eines neben uns stehenden Mannes interessiert hat.
Auf jeden Fall stehen wir da im Fahrstuhl des Krankenhauses und als die Kleine ihren Kussmund macht, sagt eine Frau „Die ist ja niedlich!“ und erkundigt sich nach ihrem Alter. Wir plaudern kurz. Als der Fahrstuhl im Erdgeschoss angekommen ist, steigen wir aus. Eine andere Frau, die auch mit im Aufzug war, kommt hinter mir her und spricht mich vorsichtig von der Seite an. „Äh, entschuldigen Sie. Hat Ihre Tochter das Down-Syndrom?“ Wir kommen ins Gespräch und sie erzählt mir von ihrer Familie und ihrem Baby mit Down-Syndrom. Ich fand das auf eine Weise sehr spannend. Das sind manchmal Gespräche ein bisschen wie unter Kollegen. Wir unterhalten uns eine ganze Weile. Wie selbstverständlich es sein kann, mit anderen, teilweise Fremden, über seine Gefühle, seine Verletzlichkeit und Krisen zu reden. Wir verabschieden uns und ich gehe gut gelaunt weiter in Richtung Bahn. Die Sonne scheint, es ist ein warmer Herbsttag. Die Kleine fordert mich auf, mit einer Hand in ihre zu klatschen. Sei lacht dabei jedes Mal so glucksend und ihr Gesicht, ihre Augen strahlen so fröhlich, dass ist einfach schön und ich lache mit ihr.

Zehn Minuten später: Wir fallen schon wieder auf

Auf dem Weg zur Bahn gehen wir noch eben ein Brot einkaufen. Als ich bezahle, reiht sich hinter mir eine Kundin ein. Es dauert wenige Sekunden und die Kleine und sie haben Kontakt aufgenommen, albern ein wenig herum. Als ich den Laden verlasse, kommt die Frau zu mir und sagt ein wenig wie unter Eingeweihten, die ein Geheimnis austauschen: „Wissen Sie, viele Menschen denken ja, die Mongoloiden sind dumm. Aber ich weiß: Das sind sie gar nicht!!!“

An diesem Tag lagen noch nicht einmal zehn Minuten zwischen den Begegnungen mit den beiden fremden Frauen, die mich auf das Down-Syndrom der Kleinen angesprochen haben. Ich wurde noch nie zuvor so direkt von Fremden dazu befragt. Aber die Zeit, in der die Kleine in ihrem Kinderwagen eingemummelt liegt, ist lange vorbei. Sie ist da, mitten im Leben und will die Welt entdecken, also fallen wir auf. Dass ich darauf angesprochen werde, daran muss ich mich gewöhnen. Aber wenn es jedes Mal so nett ist …

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